Frank & frei

heute schreibt hier der Nachbar vom Frank Mignon, also der, der hier immer wieder erwähnt wird.

Ich soll Sie grüßen, das hat er gesagt und mir dann einen Zettel mit Notizen hingelegt, über was ich schreiben soll. „Stichwort Bundestagswahl: Wir brauchen wieder eine echte Opposition.“ Das steht hier und ich weiß auch, was er wählt. Der ist ja Wechselwähler oder, wie die das neulich im Fernsehen genannt haben, auch mal ein „taktischer Wähler“. Das Wort würde ihm sicher nicht gefallen, er nennt das immer „unideologischer Wähler“. Was hat der Mignon eigentlich gegen „Ideologien“?

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Wir brauchen doch Leute, die aus tiefer Überzeugung für ihre Inhalte eintreten. Obwohl: „Ich misstraue allen wahrhaft Überzeugten“ heißt es in dem Film „Ausnahmezustand“ mit diesem tollen Schauspieler, ich komme jetzt nicht drauf, wie der heißt. Irgendwas mit Hauptstadt. Jetzt, weiß ich’s wieder, Denzel Washington heißt er.

Aber wo ist die Grenze zwischen „wahrhaft überzeugt“ und „fanatisch“? Der Mignon sagt dann immer, es kommt darauf an, dass man die Perspektive wechseln kann.

Sich in den Anderen hineinversetzen und mal seine eigene Meinung hinterfragen, darauf kommt es an. Und was er auch immer sagt: Öfter mal nachdenken, ob das, was man für „Wissen“ hält, nicht doch vielleicht nur „Meinung“ ist. Und oft beruht doch diese Meinung auf völlig falschen Informationen. Wenn mein Schwager mir erzählt, er wisse, dass uns die Amerikaner und unsere Regierung aus Flugzeugen mit Chemikalien besprühen lassen und durch die Schulimpfungen Kinder bewusst geschädigt werden sollen, dann ist das weder Meinung noch Wissen, das ist Schwachsinn. Und trotzdem glauben fast alle Rechtsradikalen, viele Linksradikale und sogar ganz normale Bürger an diesen Verschwörungsmist.

Der Mignon geht ja auch regelmäßig zu einem „Skeptischen Stammtisch“ in Gießen, wo sich Leute verschiedenster Berufsgruppen und unterschiedlichster politischer Heimat mit allem möglichen Mumpitz befassen, der wieder mal irgendwo verbreitet wird. Obwohl ich glaube, der geht da nur wegen der leckeren Pizza hin, der alte Genussmensch. Und noch etwas fällt mir ein: Ich soll Sie alle bitten, unbedingt zur Wahl zu gehen. Ich habe die Mignons mal beobachtet: Wenn Wahl ist, sind die immer richtig andächtig und gehen stolz wie Bolle zur Urne. Dann gibt es Knabberzeug und Getränke bei den Hochrechnungen und man muss als Nachbar ganz still sein. Und sogar sein damals sechsjähriger Sohn soll angeblich bei der Bundestagwahl 2013 mit einem selbstgebastelten Merkel-Fähnchen vor dem Fernseher gesessen haben. Was soll nur aus dieser Jugend werden?

Einen Satz hat er mir noch für Sie aufgeschrieben: „Da oben muss immer einer mitmischen“. Das hat die Oma vom Mignon immer gesagt. Nicht die Nazi-Oma Mignon, die andere, Oma Ruth, die immer sonntags den „Internationalen Frühschoppen“ geguckt und jeden Tag die Tageszeitung gelesen hat. Die hat das immer gesagt. Jetzt soll ich Ihnen noch ausrichten, dass wegen der vielen Wahlergebnisse die nächste Ausgabe von „frank & frei“ erst am Dienstag kommen wird. Und dann bin ich eigentlich auch schon fertig.

Dies schreibt frank & frei

 

Dem Mignon sein Nachbar


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