Frank & frei

ich wollte gestern meinen Nachbarn in den April schicken, aber mir ist trotz intensiven Grübelns nur ein möglicher Scherz eingefallen. Denn als ich in unserer Zeitung lesen musste, dass unser Sparkassen-Chef Klaus-Jörg Mulfinger den Rest seines noch zu absolvierenden Arbeitslebens nicht mehr bei uns in Wetzlar verbringen wird, wollte ich spontan meinem Nachbarn weismachen: Mulfinger verlässt Wetzlar und geht zur Vatikan-Bank.

Aber das hätte mir vermutlich niemand geglaubt. Denn erstens würde sich ein waschechter Schwabe wie unser scheidender Sparkassen-Chef niemals derart weit von seinem Heimatland entfernen. Und zweitens war ja im weiteren Verlauf des Artikels zu lesen, dass er in Wahrheit in den Vorstand der Helaba berufen wurde. Folglich kann man die Landesbank nur beglückwünschen, denn ein wenig bodenständig-schwäbische Gründlichkeit kann dort besonders nach der Übernahme von Teilen der maroden West-LB nun wirklich nicht schaden.

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Und unser Landrat Wolfgang Schuster betonte als Vorsitzender des Wetzlarer Sparkassen-Verwaltungsrates sogleich, man wolle ihm "keine Steine in den Weg legen". Gut so, denn Steine auf dem Weg nützen meist nur dann etwas, wenn man über Wasser laufen möchte, und für eine derartige Tätigkeit gäbe es angeblich seit ungefähr 2000 Jahren nicht mal im Vatikan entsprechende Planstellen. Und in den Landesbanken glaubt man seit der Finanzkrise ohnehin nicht mehr an Wunder aller Art und denkt bei "Wasser" vermutlich lediglich an "immer schön flüssig bleiben". Als dann noch unser Landrat hinzufügte, er sei stolz, dass "einer von uns künftig eine solch herausragende Funktion ausüben wird", dürfte sich eine leichte Verwunderung bei unserem Aufsteiger ergeben haben. Unbestätigten Gerüchten zu Folge hörte man ihn feststellen: "Ab’r Herr Schuschter, wenn i g’ahnt hätt, dass mir doch aus d’m selbe Holz g’macht sind, hätt’ i mir’s mit d’ Helaba g’schwind nochma üb’rlägt."

Übrigens soll Mulfinger künftig als Generalbevollmächtigter bei der Landesbank auch für das "Geschäft mit der öffentlichen Hand" zuständig sein. Ich könnte mir denken, dass unser Landrat angesichts der anstehenden teuren Baumaßnahmen bei der Verabschiedungsfeier seinem Ersten Kreisbeigeordneten zuflüstern wird: "Heinz, sei nett zu ihm, den brauchen wir vielleicht noch." Ich werde ihn vermissen, unseren stets lächelnden Wächter über die mittelständischen Kredite. Und deshalb gibt es anstelle eines Aprilscherzes zum Abschluss eine wahre Geschichte, von mir in Wetzlar in der vergangenen Woche selbst erlebt: Kurz nach der Bekanntgabe des bevorstehenden Ausscheidens von Mulfinger wurde ich Zeuge, wie ein Hund mitten in einer Sparkassen-Filiale an einer Wand sein Bein hob. Während von der Besitzerin das übliche "Das hat er noch nie gemacht"-Gerede erklang und ich nur auf den Ergänzungssatz "Der macht nichts, der will nur spielen" wartete, dachte ich so vor mich hin: Schau an, kaum geht der Chef, schon werden hier die Reviere markiert.

Viel Glück, Herr Mulfinger und grüßen Sie die Main-Metropole von uns. Dies schreibt

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Ihr Frank Mignon


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