Frank & frei

beim Schreiben dieser Zeilen scheint strahlend die Sonne ins Fenster und ich muss mich wirklich zusammenreißen, die notwendige ironische Boshaftigkeit aufzubringen, die Sie zu Recht von mir erwarten. Aber was soll man machen, wenn der Tag so schön daherkommt, dass jeder bissige Gedanke sofort verfliegt?

Alles ist Poesie, jedem Thema, das eben noch zur Schwermut taugte, gewinnt man nur noch gute Seiten ab. Ich möchte singen, tanzen und springen. Gepriesen seist Du, sanftmütiger Lenz, der Du selbst die kleinen und großen Ärgernisse in unserer schönen mittelhessischen Region vergessen machst.

Mein Herz lässt mich heute nur in sinnlichen Worten schwelgen, auf dass diese Zeilen so prickelnd und liebreizend Ihren Frühstückstisch verzieren wie ein frisch gepflückter Blumenstrauß, von Cirsten Kunz und Dagmar Schmidt persönlich zu Ihrer Wohnstätte verbracht.

Möge die heutige Ausgabe von „frank & frei“ so leicht und unbeschwert sein, dass selbst im Rechtsamt der Stadt Wetzlar die Gesetzesbücher ruhend verschlossen bleiben und für den Fall, dass unser dem Widerstand huldigender Oberbürgermeister dereinst dem düsteren Karzer anheimfiele, man in den Kemenaten der städtischen Jurisprudenz köstlichen Kuchen mit eingearbeiteter Feile zubereiten möge, damit bei dunkler Nacht heldenhaft die Flucht gelinge.

Und lasst es eine starke und gute Feile sein, gefertigt nach bester Handwerkstradition. Denn jeder Tag, den unser Stadtoberhaupt hinter schwedischen Gardinen verbrächte, wäre ein Tag mehr mit Bürgermeister Semler als zeitweisem Inhaber des städtischen Thrones. Und da sei der Herrgott vor, wie nur ein Herrgott vor irgendetwas sein kann, denn auch Frühlingsgefühle haben Grenzen.

Möge das überdimensionale Lichtspielhaus, eben noch Grund vielen innerstädtischen Ungemachs, sich wie ein Blatt im Wind unter dem blauen Himmel auflösen und stattdessen erschwinglicher Wohnraum entstehen, der auch dem arg geschundenen kleinen Mann samt ebenso kleiner Frau und noch kleinerer Kinder ein bezahlbares Gemach ermöglicht, auf dass sie in Wohlgefallen ihre Steuerabgaben in unserer schönen Heimat zu entrichten haben und nicht nur vor und nach einem Film, sondern ganztägig die Altstadt beleben.

Zumal jene Straßen, auf denen man den vielzitierten „kleinen Mann“ antrifft, künftig ohne ruinöse Beteiligung der Anwohner einer schmucken Sanierung anheimfallen, da sich – oh Wunder – kurz vor den anstehenden Wahlen im ganzen Lande der Zorn zu einer gemeinsamen Stimme der Vernunft vereinte, so dass auch gesalbte Häupter in den Schlössern zu Wiesbaden oder Berlin dem Schall des Rufens nicht mehr entgehen können.

Oh wunderbarer Frühling, der du uns jenen blauen Himmel bescherst, an dem tumbe rechte und linke Verschwörungstheoretiker nach wie vor Sprühaktionen amerikanischer Flugzeuge beobachten wollen, sogenannte „Chemtrails“, die uns wahlweise vergiften oder manipulieren sollen.

Möge der KOPP-Verlag, der leider immer noch viel zu oft mit seinen irrsinnigen „Enthüllungsbüchern“ über angebliche „Impfschäden“, „Unterdrückte Informationen“ oder sonstigen reißerischen Mumpitz reüssieren darf, sich ebenso in Luft auflösen wie die meisten der von ihm verbreiteten Märchen- und Hetzgeschichten nach wissenschaftlicher Überprüfung.

Du wunderbarer Lenz, Jahreszeit des heiteren Erwachens der Natur: Sieh zu, dass Du schnell vorübergehst.

Denn so kann ich auf Dauer nicht arbeiten.

Dies schreibt frank & frei

 

 

Ihr

 

Frank Mignon


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