Frank & frei

neulich wollte mein Nachbar demonstrativ den coolen Hipster markieren, indem er andauernd Formulierungen der aktuellen Jugendsprache verwendete. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie reagiere ich immer ein wenig allergisch auf Menschen über 40, die noch so reden wie Teenager. Deshalb höre ich ja auch eher ungerne Pop-Formatradiosender, denn ich kann es nun mal nicht ertragen, wenn ich vormittags vor meiner ersten Tasse Kaffee schon mit übertrieben guter Laune belästigt werde und man mir Meldungen wie „Das ist echt eine schlimme Sache, schon wieder ist ein ziemlich voll beladenes Schiff untergegangen“ mit diesem pseudo-fröhlichen Moderatoren-Jugend-Singsang um die Ohren plappert, als ob ich ein Grundschüler auf Klassenfahrt wäre.

Noch schlimmer sind Besprechungen mit Leuten aus der Marketing-Branche. Na gut, das sind auch meine Auftraggeber als Musiker und Moderator, aber da müssen die jetzt durch. Liebe gut geföhnte Herren und liebe Fitness-gestählte Damen, die Ihr in den Kommunikations-, Marketing-, Medien- und sonstigen Berufen arbeitet: Ihr wirkt nicht cooler und schon gar nicht polyglotter, wenn Ihr in jedem Satz aus einem englischen Substantiv ein schlechtes eingedeutschtes Verb konstruiert. Und schon gar nicht wirkt das ansprechend, wenn Ihr dabei in einem Alter seid, in dem man schon die ersten Jahrgangskameraden durch natürliche Todesfälle verloren hat. Natürlich weiß auch ich, dass die meisten Branchen ihre jeweils eigenen Kommunikationsformen und Milieus herausbilden, aber man muss ja nicht jeden Unsinn mitmachen.

Aber da ich schon dabei bin, mich in Rage zu schreiben, dürfen auch diese deutschsprachigen Popstars nicht fehlen, in deren Gesang jeder Unterschied zwischen „sch“ und „ch“ verschwunden zu sein scheint und eine ungeschriebene Einigung auf eine Mischform, also ein „fch“ stattgefunden haben muss; eine schreckliche Symbiose, bei der die Unterlippe des Interpreten ein wenig unter die oberen Schneidezähne zurückgezogen wird, während Jammer-Texte wie „Ifch bin so allein und möfchte difch sehen, weil die Welt so fchrecklifch ist“ dargeboten werden.

Das Gegenteil sind dann diese „Gangsta-Rapper“, die gleich alles in diesem Bereich zu „sch“ werden lassen, was dann in „Isch finde disch voll krass“ mündet. Wo sind eigentlich die Eingreiftruppen der Uno, wenn man sie mal braucht?

Natürlich sorgt auch der eigene Nachwuchs samt Altersgenossen für stetiges kommunikatives Rätselraten, wenn etwa auf der Fahrt zum Fußballtraining festgestellt wird, dass man bei Minecraft „echt voll geaimt“ hat und der Satz mit „Papa, kann ich Joghurt?“ auch ohne erklärendes Verb beendet wird, wobei meine Nachfrage ob er den Joghurt an die Wand nageln, anmalen oder essen möchte, schon wieder für Heiterkeit sorgt. Man kann schließlich den ansonsten wunderbar geratenen Kindern nicht lange böse sein.

Zumal diese jungen Bengels mittlerweile die stark eingedampfte Kommunikation in Whatsapp-Gruppen oder bei Facebook schon wieder mit gewollt schlechten Sätzen wie „I bims beim Spielen“, „Is eins Wetter fly am been?“ oder „so vong Sprache her“ parodieren. Das ist ein Lichtblick, wenn selbst Kinder merken, was Sache ist und ihre eigene Sicht auf die Dinge entwickeln. Also dann, auf Wiedersehen, pardon: „bb“.

Dies schreibt frank & frei

Ihr

Frank Mignon


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