Frank & frei

und Leser,

jetzt haben wir es schwarz auf weiß: Wetzlars Straßen werden schon wieder elektronisch erfasst. Ein "Eagle-Eye"-Fahrzeug ist im Auftrag des Baudezernats in unserer Stadt unterwegs und nimmt alles auf, was ihm vor die Linse kommt. Im Lokalteil konnte man lesen, dass "vielen Bürgern das orange-silberne Messfahrzeug mit Kameras auf dem Dach sicher aufgefallen sein dürfte". Wahrscheinlich dachten die Wetzlarer: "Hatten wir nicht erst diese Google-Street-View-Fahrzeuge? Geht das schon wieder los?"

Aber ich kann Sie beruhigen, die Daten dienen lediglich als "Grundlage für die Visualisierung der Stadt" - und es ist eine deutsche Firma. Man könnte auch sagen "Google-Street-View-light", also schon mit umfassender Erfassung, aber ohne den ganzen lästigen Kram wie NSA oder CIA. Ich hätte ohnehin nur schwer glauben können, dass sich der Obama wirklich ernsthaft dafür interessiert, wie es bei uns am "Brodschirm" oder "Auf der Platte" aussieht und wie viele Biegungen die "Moritz-Budge-Straße" hat. Übrigens soll die Sache angeblich Kosten und Zeit sparen, weil man künftig bei Bedarf einen Straßenabschnitt bequem vom Rechner aus in Augenschein nehmen kann.

Recht haben sie, denn Ortstermine kosten Zeit und Geld. Was meinen Sie, wie viel alleine bei einem durchschnittlichen Bauamtsmitarbeiter bei solchen Anlässen für Kaffee und belegte Brötchen draufgeht, wenn sich im zu untersuchenden Abschnitt zufällig eine Bäckerei befindet? So was kann schnell ins Geld gehen. Und dann die dauernden krankheitsbedingten Ausfälle wegen Schnupfens, wenn man wieder bei Regen raus muss und der einzige Dienst-Schirm vom Baudezernenten in Beschlag genommen wurde, der wieder mal mit seinen Magistratskollegen irgendwo einen Spatenstich vorzunehmen hat.

Also, liebe Leserinnen und Leser: Falls Sie ein Anliegen haben, dass seitens der Verwaltung über längere Zeit hinweg unbeantwortet geblieben ist, und Sie sehen dieses Messfahrzeug: Halten Sie einfach Ihr Schreiben direkt in die Kamera. Ihr Anliegen wird umgehend erfasst und weitergeleitet. Sollten Sie hingegen ihrer ganz persönlichen Form des Bürgerprotests Ausdruck verleihen wollen, bitte ich zu bedenken, dass mit den Kameras lediglich Bildaufzeichnungen, aber keine Tonmitschnitte gemacht werden. Wenn Sie also lautstark ihre Forderungen in die Kameras rufen, ist dies leider zwecklos, so dass den aktuellen und künftigen heimischen Bürgerinitiativen empfohlen werden sollte, stattdessen Bilder und Zeichnungen zum Beispiel von durchgestrichenen Windkraftanlagen oder geschwärzten Mehrfamilienhäusern anzufertigen und diese vor die Kameras zu halten. Mit einigen südamerikanischen Rhythmusinstrumenten in der Hand könnten Sie zeigen, dass Ihnen der "Rassel-Berg" ein besonderes Anliegen ist. Wenn Sie einfach so nur mal wieder sauer auf Ihre Stadtverwaltung und die Politik halt so im Allgemeinen sind: Werfen Sie sich mit einer hochgehaltenen Zitrone in der Hand vor das Fahrzeug.

Allen anderen empfehle ich, beim Passieren einfach mal freundlich in die Kameras zu grüßen. Ihre Stadtverwaltung wird es Ihnen danken.

Dies schreibt frank & frei

Ihr

Frank Mignon


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