Frank & frei

und Leser,

ich bin völlig fertig. Da verschieben wir extra diese "frank & frei"-Ausgabe auf Dienstag, damit die Wahlergebnisse zumindest Berücksichtigung finden können und dann sowas. Wer konnte denn ahnen, dass die ganze Sache derart kompliziert wird. Man sollte sich in Wiesbaden und Berlin mal ein Beispiel an der Stadt Wetzlar nehmen. Wenn ich bei meinen Musikauftritten in anderen Gegenden Deutschlands erzähle, dass wir in unserer Stadt eine rot-grüne Stadtregierung haben, die von den Freien Wählern mitgetragen wird und über der ein FDP-Oberbürgermeister schwebt, der gleichzeitig für Finanzen und Kultur zuständig ist, und wegen dessen purer Anwesenheit die CDU sich seit Jahren nicht traut, einen eigenen Kandidaten aufzustellen, bekomme ich entweder mitleidige Blicke oder ein ungläubiges Staunen als Reaktion.

Jetzt versteht man auch, warum die Diskothek "Poco" nach ihrer bevorstehenden Schließung laut Beschluss der letzten Stadtverordnetenversammlung keinesfalls als "Swingerclub" genutzt werden darf, denn bei uns in der Stadt kann doch ohnehin jeder mit jedem irgendwie auf irgendeine Weise irgendwas machen. Übrigens dürfen sich auch Wettbüros oder Spielhallen dort nicht ansiedeln, wobei es Ihrer Fantasie überlassen bleibt, liebe Leserinnen und Leser, hieraus einen Bezug zur aktuellen politischen Lage herzustellen.

Vermutlich wird in den nächsten Tagen bei unserem Oberbürgermeister das Telefon nicht mehr still- stehen, weil jeder, der in der FDP noch etwas zu sagen hat, ihn fragen wird: "Wolfram, Du trittst doch bei der nächsten Oberbürgermeisterwahl auf jeden Fall nochmal an, oder?" Denn wenn auch diese Bastion fällt, kann die FDP im Prinzip geschlossen zu Erika Steinbachs Vertriebenenverbänden übertreten. Meine Großmutter mütterlicherseits hat ihr Leben lang FDP gewählt, und zwar aus einem Grund: "Da oben soll immer einer mitmischen." Gut, dass sie diese "Freiheitskämpfer-Kampagne" nicht mehr miterleben musste. Denn für jemanden, der zwei Weltkriege samt NS-Diktatur miterlebt hat, muss die Tatsache, dass jemand "Freiheit" vorwiegend mit der Möglichkeit zum uneingeschränkten Fleischkonsum und zur Vollgasfahrt auf der Autobahn begründet, wie eine Verhöhnung der Ideen von Theodor Heuss, Hans-Dietrich Genscher oder Gerhart Baum vorkommen.

Eigentlich wollte ich noch weiter über Politik reden, aber ein anderes Ereignis hat alles über den Haufen geworfen. Paul Kuhn ist am vergangenen Wochenende gestorben. Es gibt niemanden unter den Musikschaffenden, der ihn nicht bewundert, gemocht, verehrt oder geliebt hat. Mit einem Übermaß an Talent gesegnet, gab er dem Jazz ein deutsches Gesicht, das doch so gar nicht "deutsch" war, denn er fühlte sich sein Leben lang den amerikanischen Klassikern der 30er und 40er Jahre verbunden, die er mit Big Bands oder mit seinem Trio immer wieder neu interpretierte.

Auch ich habe viel Zeit mit dem Hören seiner Aufnahmen verbracht und herauszufinden versucht, aus welchen Tönen diese wunderbar klingenden Akkorde wohl bestehen mögen und warum die Übergänge so sanft und elegant daherkommen. Mach’s gut Paulchen, wir alle wünschen Dir immer ein kühles Bier am Klavier, wo immer Du jetzt spielst! Dies schreibt frank & frei Ihr Frank Mignon


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