Frank & frei

am Wohnort arbeiten zu können, ist inzwischen Luxus geworden, so war es gestern im Lokalteil zu lesen. Man reist oder pendelt dorthin, wo es Arbeit gibt. Das war schon zu Zeiten Julius Cäsars so, der vor über 2000 Jahren beruflich recht viel unterwegs gewesen sein soll. Vermutlich wurde auch zu dieser Zeit die Pendlerpauschale erfunden. Aber trotz aller Eroberungslaune: Julius Cäsar kam nicht bis nach Waldgirmes, Sie haben es sicher gelesen. Vielmehr blieb er irgendwo im Raum Limburg hängen.

Kennen Sie den Begriff "Cäsarenwahnsinn"? So bezeichnete der Historiker Ludwig Quidde in seiner Schrift "Caligula" die typischen Eigenschaften der Herrscher. So gehörten "Glaube an die eigene Göttlichkeit", "Verschwendungssucht" und "theatralischer Schein" dazu, was die Tatsache, dass Julius Cäsar ausgerechnet im Bistum Limburg Station machte, umso plausibler erscheinen lässt.

Mal ganz ehrlich: Das wär’s gewesen, wenn der sagenumwobene Feldherr und Herrscher Roms sich tatsächlich bis nach Waldgirmes gewagt hätte. Aber leider musste Sabine Schade-Lindig vom Wiesbadener Landesamt für Denkmalpflege alle heimlichen Hoffnungen des Lahnauer Ortsteils bei ihrem Vortrag im Dorfgemeinschaftshaus zunichte machen.

Ob allerdings der Vorsitzende des Fördervereins "Römisches Forum", Wilfried Paeschke, auf diese niederschmetternde wissenschaftliche Feststellung mit den Worten "Auch Du, meine Schwester Sabine?" geantwortet hat, konnte nicht abschließend bestätigt werden.

Mein Nachbar hat mir am Gartenzaun sogleich erklärt: "Ach, Mignon, Cäsar kam nicht nach Waldgirmes, Elton John nicht ins Wetzlarer Rathaus, Christoph Schäfer nicht nach Leun, Roland Kaiser nicht zum Konzert: Wir Mittelhessen sollten dringend unsere Willkommenskultur überdenken", worauf ich entgegnen konnte, dass laut dem CDU-Landtagsabgeordneten Clemens Reif unsere Willkommenskultur schon 150 Jahre alt ist. So hat er es zumindest während der, sagen wir mal, ein wenig ausgeuferten Kreistagsdebatte formuliert. Übrigens hat Reif so ganz nebenbei erwähnt, bereits selbst eine Immobilie erworben und dort Flüchtlinge untergebracht zu haben. Und monatlich kommt dann vermutlich schön regelmäßig die Überweisung vom Kreis, was meinen Nachbarn sogleich zu der Feststellung brachte, in Sachen sicherer Geldanlagen noch viel von der CDU lernen zu können.

Der Normalbürger investiert in "Deka", der clevere konservative Geschäftsmann in "Lampedusa". Wenn wieder irgendwo ein CDU-Abgeordneter beim Thema Asyl klagt: "Das Boot ist voll", so soll dies vermutlich heißen: "Aber irgendwo ist immer ein Haus leer."

Aber ich hätte noch meine alljährliche ganz persönliche Bitte an unsere Lokal-, Landes- und Bundespolitiker zu erneuern: Was auch immer in den nächsten Tagen und Wochen noch herauskommt, bitte treten Sie auf keinen Fall vor Aschermittwoch zurück. Denn ich habe meine Büttenreden und Lieder für mein Auftritte bei den Sitzungen bereits fertig und möchte nicht wieder mitten in der Kampagne noch mal von vorne anfangen müssen.

Und bitte denken Sie auch daran, welche Arbeit es den Wagenbauern der Karnevalsvereine macht, einen fertigen Motivwagen komplett umzubauen. Im Voraus schon mal vielen Dank.

Dies schreibt

frank & frei

Ihr

Frank Mignon


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