Frank & frei

nun ist auch der Faschingstrubel vorbei, was meinen Nachbarn dennoch nicht davon abhielt, gestern lautstark beim Kehren seiner Terrasse "Echte Fründe" zu trällern.

Wie immer, wenn in unseren Breiten kölsches Liedgut angestimmt werden soll, was angeblich "jeder kennt": Außer der Titelzeile und bestenfalls einem lauten "Fründe in der Not" gibt es nur ratloses "Lalala", und selbst das geht noch weit an der Höhner’schen Melodie vorbei. Liebe Mittelhessen: Diese schon fast rührend-bemitleidenswerten Versuche der vergangenen Jahre, dauerhaft und immer wieder den kölnischen Karneval bei uns zu etablieren, werden immer und immer wieder scheitern. Klar gibt es einen harten Kern, der tapfer und regelmäßig ins Rheinland zu den Sitzungen fährt. Aber der Rest muss sich damit begnügen, sich beim Mitklatschen der Titel ständig bewusst zu machen: "Das ist ein Riesenhit in Kölle, also mache ich da jetzt mal mit."

In unserer Kindheit waren es noch die Mainzer mit Ernst Neger, die immer als Vorbilder herhalten mussten, heute zieht die feierwütige Karawane weiter Rhein-abwärts.

Und eine Abwandlung der "Weissagung der Cree" soll ja lauten: "Erst wenn das letzte ,Viva Colonia‘, die letzte "Superjeile Zick‘ und das letzte ,En unserem Veedel‘ verklungen ist, werdet ihr feststellen, dass man rheinisches Temperament nicht importieren kann."

Doch kaum ist die Zeit des organisierten Frohsinns vorbei, schon kommt mein Nachbar mit einer beunruhigenden Meldung unserer Tageszeitung zu mir in den Garten: "Der Lahnberg wird Windpark" , so soll zu lesen gewesen sein. "Nicht Windpark, sondern Wohnpark" musste ich ihn korrigieren, was meinen Nachbarn zu der Feststellung brachte, genug Wind habe man ja dort ohnehin schon gemacht.

Der bemerkenswerteste Satz in dem Artikel war: "Oberirdisch finde so gut wie kein Autoverkehr statt. Es gebe lediglich einige Besucherparkplätze sowie Gehwege und Zugänge für Rettungsfahrzeuge", wobei der Bauträger vergaß, die notwendigen Stellplätze für Wasserwerfer, gepanzerte Polizeifahrzeuge und Plakatstellwände für noch zu erwartende Protestaktionen zu erwähnen. Wenn tatsächlich oberirdisch trotz zahlreicher neuer Anwohner kein nennenswerter Autoverkehr stattfinden soll, so kann es dafür nur eine Lösung geben: Man braucht nur solche Leute, die wenig Besuch bekommen und keinen großen Freundeskreis haben, weshalb die Vermarktung der neuen Wohnungen in Kreisen der hessischen FDP angeblich schon sehr erfolgreich gestartet sein soll.

Dass auch Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst sich dort ein neues Heim gönnen wollte, konnte bis Redaktionsschluss nicht bestätigt werden. Denn die Stadt überprüfe angeblich noch dessen Forderung, den Hausertorstollen so auszubauen, dass Hochwürden mit einem Audi A8 dort unterirdisch einfahren könne, um dann mit einem Fahrzeug-Hebewerk bis hoch in die Tiefgarage seines Appartements zu gelangen.

Übrigens: es soll ja an der Grenze zur Tennisanlage sogar einen Lärmschutzwall geben. Das finde ich sehr vernünftig. Man weiß ja, dass ein in der Wohnung eines jungen Paares laut schreiendes Kleinkind im spannendsten Moment des Tie-Breaks durchaus als sehr störend empfunden werden kann.

Dies schreibt frank & frei

Ihr Frank Mignon


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