Frank & frei

hätte ich hier irgendwann geschrieben, dass seitens unserer Stadt geprüft werden soll, öffentliche Flächen in Nutzgärten umzugestalten, so wäre Ihr Urteil eindeutig gewesen: "Spaß in allen Ehren, aber jetzt übertreibt er." Nein, das tut er nicht, denn der Prüfantrag ist gestellt und der Abstimmung ging eine heitere Debatte voraus, die ich mir nicht besser hätte ausdenken können. Wobei der beste Satz von Christoph Schäfer (CDU) kam: "Jede Gurke, die gepflanzt wird, geht dem Einzelhandel verloren." Er hätte auch sagen können: "Kraftwerke? Bei uns daheim kommt der Strom aus der Steckdose." Gurken pflanzt und erntet man nicht, man kauft sie. Und einmal im Jahr packt der urbane Deutsche die Kinder in den Familienkombi und fährt zum "Urlaub auf dem Bauernhof", damit der Nachwuchs mal sieht, wo der Salat auf dem Big-Mäc herkommt. Wobei es für eine christliche Partei im Grunde am besten wäre, wenn die Gurke nach unbefleckter Empfängnis vom Himmel direkt in den Einkaufskorb fiele. Ich ahnte schon länger, dass mein Nachbar, der in seinem Garten ständig irgendwelches Zeug anbaut, nichts anderes ist als ein brutaler Totengräber der sozialen Marktwirtschaft. Als ich ihm das von Christoph Schäfer erzählt habe, brummte mein Nachbar irgendwas von "Gurkentruppe" und wandte sich wieder seinen Radieschen zu.

Was da noch alles auf uns zu kommt, wenn dieses Projekt "Essbare Stadt" wahr wird, können wir uns heute noch gar nicht vorstellen. Was meinen Sie, wie sich die Anwohner in Straßen wie "Rübenmorgen" oder "Linsenberg" jetzt fühlen? Fehlt nur noch, dass die Stadt die Colchesteranlage in "Kohl"-chesteranlage umbenennt und aus der Avignonanlage die "Champignon-Anlage" wird. Na gut, ich gebe zu, das waren jetzt meine eigenen Einfälle, aber bis einschließlich "Essbare Stadt" kam alles noch aus dem Rathaus.

Genau wie diese Sache mit dem "Fair gehandelten Kaffee", der bei Sitzungen ausgeschenkt werden soll, wobei auch zu diesem Thema der beste Satz aus den Reihen der Christdemokraten kam, diesmal vom Fraktionsvorsitzenden Andreas Altenheimer: "Warum soll die Stadt das denn machen, wenn die Kirchen es schon tun?" Folgte man dieser Logik, so bräuchte man im Grunde auch nicht zu beten. Aber zum Schluss soll ein Vorschlag der Initiative "Reine Luft für Wetzlar" den Reigen abrunden, denn man schlägt vor, einen der Zementtürme auf dem IKEA-Gelände stehen zu lassen und als Café zu nutzen. Ich bin in der Formerstraße in Niedergirmes aufgewachsen und muss zugeben, dass ich schon mein ganzes Leben von nichts so sehr geträumt habe, als einmal bei einem guten Stück echten hessischen Apfelkuchens und einem Kännchen frisch gebrühten Kaffees von oben auf das Edelstahl-Gelände, auf die mit modern-schicken Satellitenanlagen verzierten Dächer der Wohnblocks sowie auf die lebendig pulsierende Hermannsteiner Straße schauen zu können, während aus dem Hintergrund das liebliche Geräusch des vorbeifahrenden Regionalexpress Siegen-Frankfurt die Abendstimmung vollendet, allenfalls hin und wieder unterbrochen vom Ruf eines Kindes, dass auf dem Parkplatz des schwedischen Möbelhauses seine Mama aus den Augen verloren hat.

Es gibt eben Momente, da stimmt einfach alles. Dies schreibt frank & frei Ihr Frank Mignon


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