Frank & frei

jeder Autor hat so seine eigene Methode, sich in Schreiblaune zu bringen. Manche ziehen sich zurück ins Arbeitszimmer, manche sitzen gerne in ihrem Stammlokal und andere brauchen erst einen langen Spaziergang im Wald, um die dringend benötigten Einfälle zu bekommen. Diesen Luxus kann ich mir nicht erlauben, denn wenn man sein Geld hautsächlich mit Musik verdient, wird auf jeden Fall am Wochenende musikalisch gearbeitet. Und das bedeutet, dass die Montagskolumne in der Regel am Sonntag abzuliefern ist, an einem Tag also, der in der Regel auf eine lange Nacht folgt.

Es soll ja Kollegen der satirischen Zunft geben, die gerne mal mit einigen Gläsern Rotwein nachgeholfen haben. Ich habe es vor einigen Monaten mal mit Pils versucht und kann nur davon abraten, zum Schreiben humoristischer Inhalte irgendwelche Rauschmittel zu bemühen. Denn mit einem Schwips erscheint doch alles irgendwie komisch und mein Nachbar behauptete neulich, nach vier Glas Rotwein könne man sogar unsere drei Oberbürgermeisterkandidaten amüsant finden.

Wobei es ja Sachverhalte gibt, die man in verschiedenen Stadien des Rausches eventuell unterschiedlich beurteilen würde. FDP-Kandidat Dr. Matthias Büger ist ja zum Juror bei "Jugend forscht" berufen worden. Nüchtern betrachtet könnte man sich an dem Gedanken festhalten, dass man nun zweifelsfrei belegen kann, warum der Büger immer so "forsch" am Mikrofon zur Sache geht. Nach einer Flasche Pils erzählte ich meinem Nachbarn, dass Bügers Berufung im "Dinosauriersaal" stattfand, woraufhin es mich mehr als fünf Minuten gekostet hat, meinem vor Lachen prustenden Nachbarn klarzumachen, dass mit der Bezeichnung "Dinosauriersaal" eine Räumlichkeit im Frankfurter Senckenberg-Museum gemeint ist und nicht etwa unsere Stadtverordnetenversammlung unter Vorsteher Udo Volck und nach 34 Jahren Wolfram Dette. Nehmen Sie unsere geschätzte Sparkasse, die ja nun leider 15 ihrer 49 Filialen schließen wird, um Kosten zu sparen, wobei auch reine Automatenfilialen betroffen seien.

Laut Sparkassenvorstand Stephan Hofmann verursacht so ein Automat jährlich bis zu 25 000 Euro an Kosten, wobei mein Nachbar und ich nach einem weiteren Bier hinzufügten, dass wir uns ja schon länger gedacht hätten, dass sich dieses dauernde Ausspucken von Geldscheinen irgendwann ganz schön summieren könnte.

Aber so richtig komisch wurde es, als wir lesen mussten, dass man künftig bei älteren Menschen ohne Internetzugang wieder auf "Telefonbanking" setzen wolle und wir uns nach einem weiteren Pils vorstellten, wie eine ausschließlich Platt-schwätzenden Dorfbewohnerin am Telefon auf eine junge Sparkassenakademie-Absolventin trifft und auf die Frage nach ihrer PIN-Nummer irgendwas wie "Aich waas das net. Wenn aich wüsst, wie mei Geheimzahl is, wärs ja kaa Geheimzahl" antwortet, worauf die Sparkassenfrau ihren Latte Macchiato verschüttet und nach einer Woche um Versetzung ins Archiv bittet. Irgendwann wollte dann mein Nachbar von mir eine geistreiche Pointe zu dieser Fairtrade-Sache im Rathaus hören. Aber wir mussten nach einer Weile feststellen: Soviel saufen, um moderne Auswüchse von reiner Symbolpolitik auch noch lustig finden zu können, würde dann doch meine Leber nachhaltig schädigen.

Dies schreibt frank & frei

Ihr Frank Mignon


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