Frank & frei

mein Stapel an Notizzetteln und Zeitungsausschnitten wird immer unübersichtlicher, ständig kommen neue Sensationsmeldungen herein und ich weiß nicht mehr, was wohin gehört und wie es einzuordnen ist. Vielleicht hatte ich aber auch einfach nur zu viel Kaffee in den letzten Tagen. Das soll ja nervös machen. Und ich bin mit den Nerven am Ende. Auf einem Zettel stehen kaum leserlich folgende Stichworte: "Stadt, Betonklötze, Gericht, Idea, Rechtsstreit verloren". Was heißt denn das bitteschön? Wer hat da was verloren?

Hilflos renne ich zu meinem Nachbarn an den Gartenzaun und wir überlegen gemeinsam, wobei ich seine erste Vermutung "Rechte Betonklötze von Idea verlieren Streit vor Gericht" aufs Schärfste zurückweisen musste. Da war doch wieder irgendwas mit diesen Pollern am Steighausplatz, dem antifaschistischen Stadtführer und zwei Gerichtsverfahren. Ich meine mich zu erinnern, dass unsere Stadt irgendwas vor Gericht verloren hat und nun für Schäden an Autos aufkommen muss, die gegen die Poller gefahren sind.

Mein Nachbar stellte fest, dass solche Poller und die fundamentalen Evangelikalen doch einige Gemeinsamkeiten haben: Die Mehrheit hat sie nicht gewollt, man nimmt sie nicht sofort wahr, sie befinden sich oft an entscheidenden Stellen und wenn man mit ihnen zusammenstößt, ist schnell mal der Lack ab, es wird teuer und man landet vor Gericht. Außerdem üben beide bei korrekter Beachtung einen spürbaren Einfluss auf den Verkehr aus. Wir prusten vor Lachen.

Als wir uns neulich gemeinsam über die immer noch nicht abgeholten "Gelben Säcke" ärgerten, machte ich mir sogleich eine handschriftliche Notiz. Unbestätigten Gerüchten zufolge sollen ja massenweise Beschwerden im Rathaus eingegangen sein, so dass immer mehr Mitarbeiter aus allen Abteilungen mit der Beantwortung der Bürgeranfragen befasst waren. Ob allerdings die Nachricht der Wahrheit entspricht, dass ein Mitarbeiter des Stadtverordnetenbüros auf die Frage, warum denn die gelben Säcke immer noch da sind, mit "Keine Ahnung, aber warten sie mal die nächsten Wahlen ab, dann erledigt sich das von selbst" geantwortet haben soll, ist höchst umstritten und sollte als gezielt vor den anstehende Wahlen gestreute Falschmeldung angesehen werden.

Die eigentlichen Nachrichten der Woche waren doch eher die Sache mit dem geplanten Abriss unseres "Stadthauses am Dom" und die Aussicht auf viele Bauschuttlaster, die eventuell vom Güterbahnhof kommend durch Garbenheim donnern und den Abraum von "Stuttgart 21" in den Hermannsteiner Steinbruch verbringen könnten.

Jetzt muss die Stadt Wetzlar eigentlich nur noch dafür sorgen, dass diese Laster einen kleinen Umweg über den Domplatz nehmen, sich eine ordentliche Schippe vom Bauschutt des Stadthauses aufladen lassen und schon hat man eine Entsorgungs-Sorge weniger. Auf meine Frage, warum denn Bürgermeister Wagner auch in Sachen "Stadthaus" wieder für "Bürgerbeteiligung" wirbt, antwortete mein Nachbar in gewohnt hintergründiger Weise, dass dem SPD-Oberbürgermeisterkandidaten vermutlich jedes Verfahren willkommen sei, solange es nicht auf eine "Büger-Beteiligung" hinausläuft.

Jetzt muss ich doch noch mal nachsehen, was wirklich auf dem Notizzettel stand. Ich melde mich dann nächste Woche wieder.

Dies schreibt frank & frei

Ihr

Frank Mignon


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2015
Kommentare (0)
Mehr aus Serie: Kolumne "frank und frei"
  • Frank & frei
  • Frank & frei
  • Frank & frei
  • Frank & frei
  • Frank & frei