Frank & frei

schon längere Zeit konnte ich Ihnen trotz Nachfrage keine neue "Studie" liefern. Oder vielmehr: Einen heiteren Verriss jener häufig unter dem Deckmantel der Wissenschaft oder gar mit dem Hinweis der Gemeinnützigkeit angefertigten Abhandlungen über "Krisengefährdete Landkreise", "Wunsch-Autokennzeichen", "Bedeutung von Holzkreuzen am Straßenrand" oder den "Glücks-Index".

Aber es sind nicht nur clevere Institute, die den großen Beratungsbedarf der modernen Gesellschaft erkannt haben. Seit Samstag weiß ich, dass uns das Schwabenland neben einer eigenwilligen Mundart, wütenden Demonstranten mit Reihenhaus oder unerträglicher Müsli-Radiowerbung eine weitere Besonderheit beschert hat, von deren Existenz ich nicht mal zu träumen gewagt hätte: Den Schilder-Überwachungsverein. Ja, Sie haben richtig gelesen: Es gibt einen Verein, der sich der Überwachung des Zustandes unserer Verkehrszeichen widmet.

Wetzlar liegt da auf Rang 6. Also, genauer gesagt, war dem Artikel zu entnehmen, dass Wetzlar auf Rang 6 von 16 getesteten Städten lag, weil wir zu viele verblasste Schilder haben. Mein Nachbar und ich waren beide so erschüttert, dass wir kurz davor standen, alles zu verkaufen und unserer Heimat den Rücken zu kehren. Bis wir erfuhren, dass Wetzlar die einzige hessische Stadt war, die auf diese Sache mit den "blassen, beschädigten und veralteten Schildern" getestet wurde. Mein Nachbar warf erleichtert ein, dass man aufgrund der eventuell nicht sehr großen Aussagekraft dieser Untersuchung doch erleichtert sein könne, zumal wir noch froh sein sollten, dass man in unserer Stadt nur nach blassen, beschädigten und veralteten Schildern gesucht habe und nicht nach Personen mit den gleichen Attributen.

Übrigens floss auch jener zeitliche Aufwand in die Bewertung ein, der betrieben werden musste, um fehlerhafte Schilder zu finden, was uns als Bewohner jener gebeutelten Stadt noch ratloser zurücklässt. Ist es nun gut, dass man länger suchen muss, weil es nur wenige zu beanstandende Schilder gibt, oder sind jene Schilder, die zu beanstanden sind, schon so unleserlich, dass man sie schon gleich gar nicht mehr findet.

Diese und weitere Fragen haben uns am Gartenzaun stundenlang beschäftigt, zumal wir irgendwann anfingen zu überlegen, welche Schilder eventuell von uns Wetzlarern seit Jahren übersehen wurden, was dazu führte, dass wir eine Art "Schwarzbuch der unsichtbaren Wetzlarer Beschilderung" zu planen begannen. Wer weiß denn, wie lange vielleicht schon am Leitzplatz ein Schild mit der Aufschrift "Wolfram-Dette-Weg" steht, ob nicht am Ebertplatz an den Holzbohlen irgendwo "Achim-Beck-Gedächtniskreisel" zu lesen ist und was eventuell fehlende "Vorfahrt gewähren"-Schilder mit der Situation unserer Wetzlarer CDU zu tun haben.

Und vielleicht ist an dem Gerücht doch etwas dran, dass es schon seit mehr als 15 Jahren an Hans-Jürgen Irmers Büro in der Moritz-Hensoldt-Straße ein Schild mit der Aufschrift "Berlin 514 Km" geben soll. Vielen Dank an diesen Stuttgarter Schilder-Club. Ohne Euch wären wir nie darauf gekommen. Und macht bitte beim nächsten Mal auch in Gießen Station, denn unserer Ansicht nach sollten dort alle jene Schilder besonders gut zu lesen sein, die den Weg nach Wetzlar weisen.

Dies schreibt frank & frei

Ihr Frank Mignon


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2015
Kommentare (0)
Mehr aus Serie: Kolumne "frank und frei"
  • Frank & frei
  • Frank & frei
  • Frank & frei
  • Frank & frei
  • Frank & frei