Frank & frei

dauernd muss ich im Lokalteil von irgendwelchen Grabungsarbeiten und Baustellen lesen. Am Leitzplatz, auf dem künftigen IKEA-Gelände, am Kalsmunt und demnächst sicher auch auf dem Gelände unseres Freibades: Überall wird gebuddelt, gebaggert und gebaut, was die Schaufeln hergeben. Mein Nachbar und ich haben aus Solidarität mit unserem Stadtbaurat ein 2 x 2 Meter großes Loch in unseren Vorgarten gegraben, einfach so.

Man muss doch seinem Magistrat beistehen, denn "echte Fründe ston zesamme". In Fachkreisen nennt man angeblich unseren Stadtbaurat Harald Semler bereits "Pauli, den Maulwurf von Wetzlar".

Sie kennen sicher noch diesen sympathischen Gesellen, der sich in seinen Zeichentrickfilmen immer so überschwänglich freuen konnte, wenn ihm etwas gelang. Gemeinsamkeiten mit eben erwähnten lebenden Personen sind rein zufällig, so hieß es aus der Wetzlarer FW-Fraktion.

Ebenso sei es ohne nennenswerten Zusammenhang, dass der Körper der Zeichentrickfigur zwar schwarz, die Spürnase aber rot sei. Hieraus Rückschlüsse auf Stadtbaurat Semler als Mitglied der Freien Wähler zu ziehen, sei unzulässig, weil doch immerhin die Hände und Füße, die der kleine Fernsehheld zum stetigen Fortkommen benötige, in der klassischen FW-Farbe "Orange" gezeichnet wurden.

Mein Nachbar ist der festen Überzeugung, diese ganzen Ausgrabungen seien ein einziges riesiges Ablenkungsmanöver. "Die wollen doch nach den ersten Funden am Kalsmunt jetzt überall in der Stadt etwas Antikes finden", so tönte er gestern am Gartenzaun. Koste es, was es wolle, wir Wetzlarer können doch diese Römer-Sache nicht den Waldgirmesern alleine überlassen.

Ich habe einen Traum, der mich seit Tagen verfolgt: Die buddeln auf dem IKEA-Gelände nach Fliegerbomben und finden dabei eine alte römische Villa mit gut erhaltenen Resten antiker Einrichtungsgegenstände. Und die muss dann zugunsten eines schwedischen Möbelhauses mit furnierten Pressspanplatten und Selbstbauregalen plattgemacht werden.

Ich sehe schon Wilfried Paeschke erbost sein SPD-Parteibuch zurückgeben und Manfred Wagner bei der Eröffnung grimmig dieses blau-gelbe Band durchschneiden.

Und vermutlich rücken demnächst Landrat Wolfgang Schuster und sein Beigeordneter Heinz Schreiber in einer Nacht- und Nebelaktion mit Spaten und Schaufeln auf dem Lenste-Gelände an, um sicherzugehen, dass nicht nach dem Verkauf des Grundstückes dort ein antikes Wikingerboot aus der Erde geholt wird. "Heinz, guck mal, ein alter Wurfspeer mit Knochenresten!" "Wolfgang, lass gut sein, das ist eine kaputte Zeltstange mit Heringen!"

Mein Nachbar hatte noch einen Gedanken: Ein Geheimkommando des Wetzlarer CDU-Stadtverbandes besorgt schnell einen Historiker, der unserem beliebten, aber betagten Freibad Domblick in einem Gutachten bescheinigt, auf den Grundmauern eines alten römischen Bades errichtet worden zu sein. Aber selbst in diesem Falle wäre nicht ganz auszuschließen, dass Altbürgermeister Klaus Breidsprecher öffentlich für sich beanspruchen würde, seinerzeit gemeinsam mit Kaiser Tiberius die Planungen angestoßen zu haben.

Dann müsste nur noch die Wetzlarer FDP heimlich einen Tonkrug mit einer Schriftrolle dort vergraben, auf der geschrieben steht: "Dies alles geschah zu der Zeit, als Wolframus Dettae Liberalus bereits Landpfleger in Wetflaria war". Die Gesichter der Archäologen möchte ich sehen.

 

Dies schreibt frank & frei

Ihr

 

Frank Mignon


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