Frank & frei

niemand reißt sich in diesen Tagen darum, eine heitere Kolumne zu schreiben. Zumal es erst 44 Ausgaben her ist, dass wir uns im Wetzlarer Dom mit unseren Freunden aller Konfessionen und Religionen versammelt haben, um gemeinsam der Opfer nach den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo zu gedenken. Und wie so oft bei solchen Gedenkstunden in Wetzlar waren wir damals ein recht bunter Haufen, eine Momentaufnahme eines großen Teiles der Stadtgesellschaft. Einige meiner Schulfreunde aus Niedergirmes, heute in den beiden Moscheevereinen organisiert, hielten Ansprachen unter dem christlichen Kreuz. Bei einer weiteren Kundgebung im Hof an einer Moschee in Niedergirmes wurden gegen die Nässe farbige Kappen verteilt, was zur Folge hatte, dass von oben irgendwann niemand mehr erkennen konnte, ob sich unter der Kappe nun ein SPD-Stadtverordneter, ein evangelischer Presbyter oder ein türkischstämmiger Moscheevereinsvorsitzender befand.

Selbst in der Stunde des Trauerns überkam einige von uns ein Schmunzeln und wir stellten uns vor, wie dieses Bild durch die sozialen Medien verbreitet wird und sich sowohl Nationale als auch religiöse Fanatiker braun und schwarz ärgern.

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Wer am vergangenen Samstag hinter Melanie Dittmer und ihren rechten Spießgesellen durch Wetzlar lief, vorbei an mehreren Asylbewerberunterkünften und durch eine Altstadt, die seit vielen Jahren ein Ort des Gewerbes, der Gastronomie und der Lebensfreude ist, dem sollte klar sein, dass das rassistische und antisemitische Geschwätz der selbst ernannten "Hüter des deutschen Volkes" nicht die heroische Antwort auf die islamistische Bedrohung sind, sondern eine Befeuerung genau jener antidemokratischen und anti-aufklärerischen Kräfte, die am rechten Rand sowie in Kreisen nationalbolschewistischer Linker nun Morgenluft im Abendland wittern.

Ich bin immer ein wenig überrascht, wie viele unserer besorgten Mitbürger zu Anwälten von Frauenrechten im Islam werden, obwohl ihnen noch bis vor kurzem jede Gewährung von Frauenrechten in unserem Land schlichtweg schon zu viel war. Die sich über strenge islamische Erziehung echauffieren und nach drei Bier in der Kneipe feststellen, dass ihnen früher ja die Ohrfeigen nichts geschadet haben. Die sich über die totalitären Islamisten erregen und dann selbst nach einem "starken Mann" oder einem "Volkstribunal" rufen, die mal so richtig aufräumen sollen. Die von "Lügenpresse" schwafeln und sich ihr politisches Wissen aus dubiosen Internetforen, Ken-Jebsen-Videos und Büchern des Kopp-Verlags zusammenbasteln.

Demokratie bedeutet nicht nur, dass die Mehrheit bestimmt, was läuft. Demokratie bedeutet vor allem auch, dass Minderheiten geschützt sind und sich wehren können. Deshalb dürfen ja sogar auch Rassisten und Antidemokraten durch Wetzlar laufen, obwohl sie genau jene Errungenschaften in Frage stellen wollen, unter deren Schutz sie ihr Demonstrationsrecht in Anspruch nehmen.

Wer aber die Freiheit verteidigen will, muss sie selbst mögen und leben wollen. Dann kann er glaubwürdig kritisieren, anprangern oder polemisieren. Sonst ist er nichts anderes als ein Spiegelbild der islamistischen Barbaren und wird mehr oder weniger unfreiwillig zu deren willkommenem Handlanger. Durch Wetzlar zogen am Samstag fast 1000 Gegendemonstranten, einschließlich Magistrat, Kirchen, Gewerkschaften und Moscheevereinen. Das ist Wetzlar.

Dies schreibt frank & frei

Ihr Frank Mignon


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