Frank & frei

nun sind wir also mitten in der Adventszeit angekommen und es ergeben sich die gleichen Fragen wie jedes Jahr: Wo ist die Kiste mit dem Weihnachtsschmuck? Warum geht die Lichterkette nicht mehr? Wollten wir nicht schon letztes Jahr neue Birnchen oder gar eine ganz neue Kette kaufen? Wieso passen die Kerzen nicht in die Adventspyramide? Und warum steckt man die Rotorblätter aus Holz immer zuerst falsch herum in die Drehvorrichtung, so dass dann Maria und Josef samt Jesuskind rückwärts rotieren und man alles wieder umstecken muss? Warum hat denn um Himmels Willen wieder niemand rechtzeitig Plätze im Adventsdorf für die Firmenfeier reserviert? Welche Ausrede bringe ich dieses Jahr, um nicht eine dieser albernen Weihnachtsmann-Mützen aufsetzen zu müssen?

Und ganz wichtig: Was schenken wir Oma? Nach über 30 Jahren Jahreslos für die Fernsehlotterie, angebracht an einer Flasche mehr oder weniger Hochprozentigem könnte man sich mal etwas Neues einfallen lassen. Und ich bin felsenfest der Ansicht, dass Herstellung und Vertrieb von Eierlikör ohne die Zielgruppe "Weiblich 70plus" sowie die Einfallslosigkeit der undankbaren Enkel längst eingestellt worden wären.

Wann gehen wir zu Deinen, wann zu meinen Eltern? Pute oder Gans?

Doch die Vorweihnachtszeit ist auch die Zeit der Wohltätigkeit. Wem aber spende ich zur Beruhigung meines Gewissens einen kleinen Obolus? Und welche der über zwanzig Weihnachtswünsche erfüllt man dem Nachwuchs? Unser Sohn hat immer noch viel Freude an allen möglichen Bausätzen, denn man bekommt nicht alles fertig geliefert und muss sich das ganze selbst zusammenfummeln, allerdings nach Anleitung. Wenn dann das Endergebnis nicht so richtig passen will, kann er sich immer herausreden mit: "Das stand da so, ich wollte es ja anders machen" oder "Die Anleitung war nicht ganz klar".

So sieht das auch unser neuer Oberbürgermeister Manfred Wagner und hat sich mit dem Bürgerbeteiligungsverfahrens "Domblick" und der "Planungszelle" sein persönliches Bausatz-Erlebnis geschaffen. Aus Respekt vor diesem extrem ausgeklügelten Verfahren und der Notwendigkeit einer besinnlichen Adventszeit möchte ich heute dem ehrenwerten Heinrich Heine das Wort überlassen, der doch einst so treffend schrieb:

Ich weiß nicht was soll es bedeuten / dass ich so ratlos bin / die Studie aus jüngsten Zeiten / die kommt mir nicht aus dem Sinn / das Bad ist alt und marode / und ruhig fließt die Lahn / doch Baden bleibt weiter in Mode / so fing der Schlamassel an

Der alte Dom erhebet / dort oben sich wunderbar / die mächtige Glocke erbebet / nun schon so viele Jahr / erklinget mit mächtigem Klange / und’s Bad verrottet dabei / das war einst vorher schon lange / den Schwarzgelben stets einerlei

Doch Wagner im neuen Amte / ergreift es mit listiger Hand / beauftragt der Uni Beistande / und holt sich den Bürger heran

Ich glaube, die Kosten verschlingen / am Ende das Bad irgendwann / der Wagner, der kann dann frohlocken / "Ihr Bürger, ihr habt’s selbst getan!"

Dies schreibt frank & frei

Ihr

Frank Mignon


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