Frank & frei

vor Beginn einer Karnevalssitzung hört man als Musiker meist folgende Arten von Sätzen: "Wenn wir so stehen, machst du den Einmarsch", "Bei diesem Umbau bitte eine Schunkelrunde" oder "Kannst du das Fliegerlied?"

Eine Aktive mit Hut möchte von mir so ein Mikrofon mit Kopfbügel. Ich erkläre ihr, dass ich der Musiker sei und verweise sie freundlich an die Tontechnik, während ich mir mit einem Ohr vom Smartphone eines Elferratsmitgliedes "den Karnevalshit des Jahres aus Köln" anhöre, den ich unbedingt machen soll, aber noch nicht kenne, so wie vermutlich 99 Prozent der Gäste im Saal.

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Eine Tanzgruppe kommt mit einem schimmernden verkratzten Ding. Der Tontechniker stimmt nur unter Protest zu, diese CD abzuspielen, da die darauf verewigten Titel durch mehrfaches Kopieren und Datenreduzieren wie eine Radio-Luxemburg-Sendung über Mittelwelle in den 70ern klingen. "Können Sie die amerikanische Hymne anspielen?" Ja, das kann ich, ich bin Transatlantiker aus Überzeugung. Besonders jetzt, da ich sogar im dritten Anlauf meine Cola sowie eine Flasche Wasser bekommen habe, die vorher mehrfach von einer ratlosen Kellnerin in den Saal getragen wurden, da es zu dieser notierten Bestellung verständlicherweise keine Tischnummer geben konnte.

Die oben erwähnte Aktive mit Hut rennt mit ihrem Kopfbügelmikro ständig vor den Lautsprechern herum, was natürlich heftige Rückkopplungen nach sich zieht. Dabei schaut sie immer zu mir, aber das kenne ich noch aus meiner Kindheit, da war ich laut meiner Mutter auch immer an allem schuld.

Der "Protokoller" bittet mich um die "Tramps aus der Pfalz" und erzählt mir, dass die Mainzer zur Zeit von Rolf Braun besser waren. Eine strenge Mutter geht forsch dazwischen und macht mir klar, dass ich die MP3-Musik für ihre Tochter nachher "schön laut" zu machen habe.

Ich überlege, mir eine Kappe mit dem Aufdruck "Ich bin nicht der Tontechniker" anfertigen zu lassen. Mittlerweile hat übrigens die oben erwähnte Aktive mit Hut ein emotionales Tief, da ein Elferratsmitglied halblaut erklärte, sie sehe von hinten aus wie Claudia Roth.

Ich übe noch schnell den "Bayrischen Defiliermarsch" für eine Gardeformation, wobei ich nicht vergessen sollte zu erwähnen, dass mir während des Spielens gleichzeitig ein Mitglied des Männerballetts seinen gewünschten Musiktitel "Adelheid, schenk mir einen Gartenzwerg" ins Ohr singt. "Diesmal sind wir schon um Mitternacht mit dem Programm fertig", frohlockt der Sitzungspräsident, es ist 20.11 Uhr, der Wahnsinn beginnt.

Epilog: Es ist 1.50 Uhr nachts, der letzte Ausmarsch läuft, natürlich hat niemand bei dem "großen Kölner Hit" mitgesungen, die Dame mit Hut kam gut an, der Tontechniker hat es wieder geschafft, aus der antiken Tanzgruppen-CD einen einigermaßen vernünftigen Klang rauszuholen, ich habe noch eine weitere Flasche Wasser ergattern können, die forsche Gardenmutti bedankt sich bei mir für das "schön laute Abspielen" der Musik für ihre Tochter.

Und alle sind sich einig: Im nächsten Jahr wird’s wieder super. Und dann endet dann auch das Programm pünktlich um Mitternacht. Ganz bestimmt.

Dies schreibt frank & frei

Ihr

Frank Mignon


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