Frank & frei

Liebe Leserinnen und Leser,

jetzt regiert also wieder König Fußball und ich sollte erst gar nicht versuchen, hier irgendwelche kommunalen Kuriositäten als Stoff für Ihre Frühstücks- oder Bürogespräche aufzubereiten. Was ist schon eine Rede unseres Oberbürgermeisters Manfred Wagner mit Sätzen wie "Der Finanzausgleich ist für uns einfach nicht auskömmlich" gegen große und unvergessene Worte wie "Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten" oder "Das Runde muss in das Eckige". Das richtige Zitat im richtigen Moment kann eine stockende Gesprächsrunde wieder in Schwung bringen und gibt zusätzlich noch dem Zitierenden die Möglichkeit, mit guter Allgemeinbildung zu glänzen. Probieren Sie es mal aus, es macht wirklich Laune, in einem esoterisch aufgeladenen Kreis Homöopathie-gläubiger Mittelstands-Muttis und mitten in einer erregten Diskussion über den Nutzen einer "Familienaufstellung nach Bert Hellinger" in Verbindung mit einer "Schüßler-Salz-Kur" den wunderbaren Satz von Karl Valentin fallen zu lassen: "Heute in mich gegangen - auch nichts los". Da fällt einem glatt die Globuli-Packung aus der Reisenthel-Carrybag. Es gibt einige kluge Sätze, ohne die ich kaum durch einen launigen Gesprächsabend kommen könnte. "Der Kommunismus findet Zulauf nur dort, wo er nicht herrscht" von Henry Kissinger ist so ein Zitat, das immer untergebracht werden kann, unlängst erst verwendet von Dr. Matthias Büger (FDP) in einem unterhaltsamen Vortrag über die Anwendungsmöglichkeiten der mathematischen Spieltheorie. Übrigens helfen Zitate dem Zitierenden auch, eigene Meinungen oder Gedanken in ihrer Wirkung wahlweise entweder abzuschwächen oder zu verstärken. Abzuschwächen, indem man sich nach mangelndem Erfolg des Zitats mit dem Satz "das hat der xy halt so gesagt" aus der Affäre ziehen kann, und zu verstärken, indem man einem eher banalen eigenen Gedanken dadurch mehr Gewicht verleiht, dass ein berühmter Denker so etwas Ähnliches auch schon mal gesagt hat. Ich habe, nur mal so am Rande, lange überlegt, welches das beste Zitat aus der heimischen Kommunalpolitik der letzten Jahre war. Sind es die ausgewogenen Sätze unseres ehemaligen Oberbürgermeisters Dette wie "Wir verspüren einen Zug vom Land in die Stadt, brauchen aber Baugebiete" oder die kernigen Ausrufe unseres Landrates, vor denen er selbst in hochrangig besetzten Podiumsdiskussionen nicht zurückschreckt? Ein Zitat sollte immer auch Rückschlüsse auf den Urheber oder dessen Amt, Partei oder Berufsstand zulassen, weshalb Stadtbaurat Harald Semler erst noch beweisen muss, ob sich "Poesie" und "Bauvorschriften" langfristig verschmelzen lassen. Daher geht heute der erste Preis für das beste Zitat der heimischen Kommunalpolitik (seit Beginn von "frank & frei" im Juni 2009) an den ehemaligen Wetzlarer Wirtschaftsdezernenten Peter Hauptvogel, der mit seinem unvergessenen Satz "Wir streben eine enge Zusammenarbeit an, die später auch in eine Koalition münden könnte" die Freien Wähler mit einem Satz besser beschrieb als es jeder politische Redakteur hätte leisten können. Weiter so, die Welt braucht große Worte. Überlassen wir dieses Feld nicht den Fußballern. Oder wie sagte schon Beckenbauer: "Es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage."

Dies schreibt frank & frei

Ihr

Frank Mignon


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