Frank & frei

 

Wetzlar ist seit der eingeengten Verkehrsführung am Glöelknoten in einer Art Ausnahmezustand. Besonders auffällig: Es wird gehupt, als gäbe es kein Morgen mehr, als verengten sich nicht nur die Fahrspuren, sondern auch die Blickwinkel der Verkehrsteilnehmer auf die Gesamtsituation.

Da drücken manche Verkehrsteilnehmer mit akustischen Dauertönen ihr Missfallen für andere Verkehrsteilnehmer aus, die verständlicherweise vielleicht erst in Höhe der Tankstelle neben den „Coloraden“ (ehemals Herkules-Center) merken, dass die linke Spur nicht mehr geradeaus weiter über die Brücke nach Niedergirmes führt, sondern nun zur Abbiegespur nach links umfunktioniert wurde.

Neulich war dort der wütende laute Dauerton, der von einem grünen Omnibus erklang, so lange zu hören, dass ich spontan entschied, auf der Gegenfahrbahn kurz zur Begrüßung ebenfalls mein Signalhorn zu betätigen, man weiß ja nicht, ob das vielleicht mittlerweile zum guten Ton in unserer Stadt gehört. Man schimpft nicht nur leise, nein, man hupt zur Untermauerung. Um das zu erleben, muss man nun also nicht mehr in Urlaub in südliche Gefilde reisen, das hat man jetzt auch bei uns.

Vielleicht sind also die Baumaßnahmen zur Brückensanierung nichts anderes als ein perfider Plan des Stadtmarketings, um mehr mediterranes Urlaubsflair in die Goethestadt zu zaubern.

Wobei ja innerhalb geschlossener Ortschaften gilt: „Nur wer sich und andere gefährdet sieht, darf die Hupe betätigen.“ Von „mal kurz warten zu müssen“ als Berechtigung für die Hupenbetätigung war nicht die Rede, aber man sollte da nicht kleinlich sein. Korrekt heißt es zum wütenden „Amok-Hupen“ in der Straßenverkehrsordnung: „Sie gaben missbräuchlich Schallzeichen ab.“ Es gibt auch die nächste Stufe: „Sie gaben missbräuchlich Schallzeichen ab und belästigten dadurch Andere.“ Besser wurden die Redebeiträge von NPD- und AfD-Mitgliedern in den heimischen Parlamenten noch nie umschrieben.

Ebenso Bußgeld-pflichtig ist es, missbräuchlich andere mit Schallzeichen zu belästigen, die aus einer Folge verschieden hoher Töne bestehen, was besonders für uns Musiker problematisch werden könnte, wenn sich mal ein Gast einen Titel von Xavier Naidoo wünscht.

Es hilft nichts, wir sollten uns an einen lauteren Alltag in unserer Stadt gewöhnen. Vielleicht könnte man die Straßenverkehrsordnung in unserer Stadt etwas lockern und neue Schallzeichensignale einführen. Einmal kurz Hupen bedeutet „Gefahr“, einmal lange Hupen heißt wie gehabt „Platz da, ey fahr‘ ma du Schnecke“, ein dreimaliges kurzes Hupsignal aus dem Dienstwagen unseres Oberbürgermeisters vor dem Rathaus weist auf eine bevorstehende Stadtverordnetenversammlung hin, mit viermaligem Hupen vor dem Kreishaus soll verhindert werden, dass SPD-Abgeordnete noch mal an falscher Stelle zustimmend die Hand heben, eine Betätigung von Schallzeichenanlagen mit wechselnder Tonhöhe wird als Warnung an all jene Personen in der Kommunalpolitik verstanden, die allzu oft die Meinung ändern und gleichzeitiges rhythmisches Hupen von mehreren Fahrzeuginhabern könnte bedeuten, dass sich irgendwo im Kreis ein Verband der Freien Wähler auf eine Linie festgelegt hat.

Also dann: Augen auf im Straßenverkehr. Und hup‘ man wieder, dein Nachbar wird’s dir danken.

 

 

Dies schreibt frank & frei

 

Ihr

 

Frank Mignon


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