Frank & frei

und Leser,

Gedankenleser Thorsten Havener erfreute unlängst rund 120 Zuschauer in Wetzlar mit seinen verblüffenden Experimenten. Und bei manchen Besuchern dürften die Gedanken während der Show auf Reisen gegangen sein. Was denkt meine Gattin wirklich, wenn sie sagt "Geh ruhig zum Fußball" oder "Ich habe nichts zum Anziehen". Was Männer denken, soll ja angeblich recht einfach zu entschlüsseln sein. Sagt ein Mann beispielsweise beim Probieren einer neuen Kartoffelsalat-Variation aus der "Brigitte":

"Schmeckt interessant", so denkt er: "Schmeiß die blöde Zeitschrift weg und mach den Kartoffelsalat beim nächsten Mal wieder mit Mayonnaise, Ei und Gurken, wie sich’s gehört!" Auch in der Politik fällt das Gedankenlesen oft nicht sonderlich schwer. Wenn ein SPD-Ortsvereinsvorsteher lautstark verkündet: "Wir stehen zu Peer Steinbrück", so meint er damit: "Wann um Himmels Willen bekommen wir eigentlich mal einen Kandidaten, den wir auch wirklich wollen". Und wenn ein CDU-Vertreter feststellt, dass man "geschlossen hinter Frau Merkel stehe", so kann er seinen Gedanken "Ist ja auch sonst niemand mehr an Führungspersonal da" wohl kaum wirkungsvoll verbergen. Eine beliebte Showeinlage der Gedankenleser ist die Frage: "In welcher Hand hast Du die Münze". In Braunfels soll man daraufhin angeblich angeregt haben, Bürgermeister Keller so lange intensiv zu trainieren, bis er künftig ohne konkretes Lesen einer Darlehensvereinbarung bestimmen kann, in welcher Währung diese abgeschlossen wurde. Dem habe unbestätigten Gerüchten zufolge die dortige SPD zwar grundsätzlich zugestimmt, solle aber angeblich darauf bestanden haben, statt "In welcher Hand hast Du die Münze" die Braunfelser Variante "Bei uns ist die Kohle im Keller" als offizielles Gesellschaftsspiel zu etablieren. Übrigens darf man die verblüffenden Darbietungen eines Gedankenlesers nicht mit den trickreichen Illusionen der Zauberkünstler vergleichen.

Deshalb sei an dieser Stelle der Vollständigkeit halber erklärt: Wenn Thorsten Havener mit verbundenen Augen von einer Zuschauerin durch den Saal geführt wird, um einen Gegenstand zu finden, so nennt man das "Psychologie und Einfühlungsvermögen". Wenn die Person auf offener Bühne verschwindet, obwohl sie eben noch für das Publikum sichtbar war, dann ist das ein "Zaubertrick". Und wenn ein ehemaliger Bürgermeister angeblich gar nichts mehr von den Finanzgeschäften der Stadt wissen kann, obwohl er nachweislich gewählt am Tisch gesessen hat, dann nennt man das "Solmser Freie Wähler", bitte nicht verwechseln. Übrigens bedienen sich die Gedankenleser bei ihren Darbietungen sehr intensiv einer Auswertung der Mimik ihres Gegenübers. Angeblich soll die Wetzlarer SPD schon kräftig zittern, weil sie befürchten muss, dass einzelne Bürger ihren Mitgliedern fest ins Gesicht schaut und sie fragt:

"Ganz ehrlich: Bis du wirklich gegen das WZ-Kennzeichen oder ist das nur Parteilinie?" Ich muss zum Schluss kommen, denn mein kleiner Sohn ruft: "Papa, wir waren lange nicht mehr in der Stadt". Und um herauszufinden, dass er in Wirklichkeit denkt: "Ich habe Lust auf ein Eis", braucht man nun wirklich kein Gedankenleser zu sein.

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frank & frei Ihr

Frank Mignon


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