Frank & frei

von der "Weissagung der Cree" über "Atomkraft – nein danke" bis zu "L – aber nicht aus Leipzig": Das Autoheck war lange vor dem Internet der Ort, an dem man unaufgefordert den Mitmenschen seine Haltung zu den großen Fragen der Menschheit aufzwängen konnte. Wahrscheinlich holen schon die Wetzlarer Einheits-Spötter der ersten Stunde ihre alten Aufkleber aus der Wendezeit wieder hervor und bringen diese abgewandelt am neuen Fahrzeugheck an: "L – ach wäre ich doch aus Leipzig".

Liebe Wetzlarer: Ruft es von den Zement-Türmen, tanzt vor den tristen Toren der Zulassungsstelle und stürzt euch samt euren Fahrzeugscheinen von der frisch sanierten alten Lahnbrücke zu den leise aus den Lautsprechern säuselnden Klängen der Ouvertüre zu "Leichte Kavallerie" in die Wasserorgel: Wetzlar darf wieder WZ am Auto haben. Stolz wie ein Jüngling, der zum ersten Mal den mit Hilfe eines Ferienjobs erworbenen Opel Kadett seinem neidischen Kommilitonen vorführt, kniete unser strahlender Oberbürgermeister zusammen mit einem etwas gequält lächelnden Landrat vor dem städtischen Dienst-Mercedes.

"WZ – OB 100", so lautet das neue Kennzeichen auf dem mobilen Statussymbol der Sonderstatusstadt. Jetzt versteht man auch, was dieser Begriff bedeutet, findet nun  am heimischen Kraftfahrzeug endlich mal ein Sonderstatus statt. Wir haben also nun die Wahl, ob wir lieber von unseren Nachbarregionen mit "Land der Könige" oder wieder mit "Wilde Zone" belächelt werden möchten. Mögen wir die richtige Wahl treffen, denn am Nummernschild sollst du sie erkennen.

Was die "100" auf der städtischen Reise-Sänfte bedeutet, konnte nicht abschließend geklärt werden. Ist es eine in Zahlen gemeißelte Selbstverpflichtung zur Einhaltung einer Geschwindigkeitsbeschränkung für Jung-Liberale? "Tempo 100 ja, zumindest in geschlossenen Ortschaften"? Steht "100" für die Anzahl der nach der Machtübernahme Christoph Schäfers noch verbliebenen CDU-Anhänger im Stadtgebiet? Oder ist gar das gesamte Kennzeichen die Abkürzung eines für ein Nummernschild etwas zu langen Satzes:  "WZ – OB 100 Leute wirklich wegen eines neuen Kennzeichens am Montag früh aufstehen werden?"

Mein Nachbar vermutete gar eine Anspielung auf den alten Gassenhauer "100 Mann und ein Befehl", der wahrscheinlich bei den Mitarbeitern der Zulassungsstelle am heutigen Montagmorgen in Endlosschleife läuft, denn dort heißt es " Ich hör von Fern die Krähen schreien, im Morgenrot, warum muss das sein?" Mein Nachbar gab bei einem gemeinsamen Bier noch der Hoffnung Ausdruck, dies möge für absehbare Zeit das letzte neue Kennzeichen gewesen sein, mit dem man seinen automobilen Alltag bereichern wolle. Vier Kennzeichen in 33 Jahren, ich glaub‘, ich bin im Schilderwald.

Wobei angeblich schon ein Aufkleber mit einer neuen Weissagung im Umlauf sein soll: "Erst wenn die letzte Brücke saniert, die letzte Schule geschlossen, der letzte Verkehrsstau in der Weststadt überwunden ist, werdet ihr merken, dass euer Nummernschild völlig wurscht ist". Denn eines sollte man sich merken: Autokennzeichen und satirische Kolumnen haben eines gemeinsam: Sie bewirken rein gar nichts.


Dies schreibt frank & frei

Ihr Frank Mignon


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