Frank & frei

angeregt durch den Leserbrief eines SPD-Stadtverordneten, der statt ständig nur "Goethe" etwas mehr "August Bebel" in Wetzlar fordert, kam es am vergangenen Sonntag zu einem unerwarteten Gespräch zwischen dem 1913 verstorbenen legendären Sozialdemokraten und unserem SPD-Stadtverbandsvorsitzenden Manfred Wagner:

Bebel: "Genosse Wagner, seit ich in eurem Städtchen weilte, hat sich aber ganz ordentlich etwas verändert."

Wagner: "Ja, das stimmt, wir müssen mit der Zeit gehen."

Bebel: "Bei euch Wetzlarer Genossen hat man eher den Eindruck, ihr seid mit der Zeit gekommen. Hauptsache, ihr bleibt immer die Vertreter des kleinen Mannes."

Wagner: "Sie haben gut reden, Sie selbst haben doch in einem Brief geschrieben, dass es sich erheblich besser und komfortabler im Berliner Westen lebt als in Leipzig."

Bebel: "Pst, nicht so laut, was meinen Sie, wie froh ich bin, dass wir damals noch kein Internet und kein Fernsehen hatten."

Wagner: "Dann hätte man Sie zu ,Maybritt Illner‘ eingeladen und als den ersten Lachsbrötchen-Linken entlarvt."

Bebel lacht: "Jaja, die ,Gnade der frühen Geburt‘. Wo sind denn eigentlich die ganzen strammen Sozialisten geblieben?"

Wagner: "Viele haben zu einer anderen Vereinigung gewechselt, weil sie sich von uns nicht mehr vertreten gefühlt haben."

Bebel scherzt: "Ach so, zu diesem ,Bund der Vertriebenen?"

Wagner: "Nein, zu dieser ,Linkspartei‘, der ,Bund der Vertriebenen‘ ist die Vereinigung, die sich um die Ansprüche auf verlorene Gebiete kümmert."

Bebel: "Da seid ihr Wetzlarer Sozialdemokraten wirklich vorbildlich. Wie man aus eurer Haltung zu möglichen Bauplätzen am Rasselberg erfährt, erhebt ihr nicht mal Ansprüche auf neue Gebiete. Warum steht eigentlich auf eurem schönen zentralen Eisenmarkt keine Statue von mir, wenn ich doch so bedeutend bin?"

Wagner: "Die hätten wir da gerne hingestellt, aber einmal im Jahr ist Weihnachten und unserem heimischen CDU-Landtagsabgeordneten Hans-Jürgen Irmer war es beim besten Willen nicht zuzumuten, unter einer Statue August Bebels seinen Christstollen zu verkaufen. War es eigentlich schwierig, sich gegen Kanzler Bismarck zu behaupten, der ja hart gegen die Sozialdemokraten vorgegangen ist?"

Bebel: "Ganz ehrlich, ich möchte nicht mit Genosse Steinbrück tauschen, denn der muss sich gegen eine Kanzlerin Merkel behaupten, die sogar hart gegen ihre eigenen Christdemokraten vorgeht."

Wagner seufzt: "Da haben Sie Recht, 150 Jahre Frauenbewegung und dann sowas. Wie haben Sie es eigentlich damals geschafft, so viele Menschen zu mobilisieren?"

Bebel: "Man muss sich immer dankbar gegenüber seinen besten Wahlhelfern zeigen."

Wagner: "Das würde ich ja gerne, aber ich kann doch nicht jeden Monat Blumen und Wein an den Wetzlarer CDU-Stadtverband schicken." (beide lachen)

Bebel: "Macht’s gut, ihr Wetzlarer, ich verschwinde wieder. Und nicht alles so eng sehen. Ich bin mit ,Bebelplatz‘ und ,August-Bebel-Schule‘ schon ganz zufrieden. Und ich sehe ein, dass sich ,Iphigenie auf Tauris‘ nun mal besser im Rosengärtchen aufführen lässt als ,Die Frau und der Sozialismus‘."

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frank & frei

Ihr Frank Mignon


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