Frank & frei

 

neulich hatte ich nach längerer Zeit wieder mal diesen Albtraum. Sie wissen schon, welchen ich meine. Nein, nicht etwa den, in dem die Stadt Lahn zurückkehrt und zusätzlich auch noch Solms und Braunfels eingemeindet werden. Den meinte ich nicht. Auch war es nicht der, in dem man uns zum Wochenanfang verkündet, dass der bisherige Braunfelser Bürgermeister Keller Bundesfinanzminister wird und Christoph Schäfer aus Wetzlar in den diplomatischen Dienst beim Auswärtigen Amt einsteigt. Ich meinte auch nicht den, nach dem ich immer schweißgebadet aufwache, nämlich jenen Traum, in dem jene mit dickem schwarzem Portemonnaie und weißer Schleife auf dem Allerwertesten ausgestattete Kellnerin wiederkehrt, die uns noch in den 80er-Jahren regelmäßig „Ist nicht mein Tisch“ oder „Draußen nur Kännchen“ zurief.

Auch meine ich nicht jene furchtbare Vision in schlaflosen Nächten, in der die Wetzlarer Grünen meinen Vorgarten unter Zwangsverwaltung stellen und dort Zwiebeln anbauen lassen, die dann von Absolventen des Volkshochschulkurses „Essbare Stadt erleben – Sonderkurs für StudienrätInnen“ vor Ort direkt vor dem Fenster meines Arbeitszimmers geschält werden müssen.

Und es war auch nicht jener Traum, in dem ich noch mal zu diesen furchtbaren „Bundesjugendspielen“ antreten muss und mir dann, nachdem ich völlig entkräftet und durchnässt an den Wertungsrichtern vorbei taumele, ausgerechnet Bert Felkl seinen berühmten Satz „Jungs, es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur die falsche Kleidung“ entgegenruft. Und ganz sicher war es auch nicht der andere Traum, in dem aus Rache, weil ich mich ja seit vielen Jahren schon über die Bajuwarisierung des gesamten Landes samt unkritischer Übernahme sämtlicher alpenländischer Gepflogenheiten inklusive des Bieres lustig mache, stattdessen nur noch „Euler-Pils“ ausgeschenkt wird. Ebenfalls war es nicht jener weitere Traum, Sie wissen schon, welchen ich meine, also der, in dem der Garbenheimer Ortsvorsteher Droß nach geglückter Abwendung der Stuttgart-21-Abraum-LKW-Transporte nicht nur eine autofreie Schleusen-Lahninsel erzwingt, sondern bei dieser Gelegenheit in einer Nacht- und Nebel-Aktion auch noch ganz Garbenheim mit Pollern abriegelt, wobei ich wegen eines Termins mitten im Ort mit meinem Wagen stehe und nicht mehr raus kann, was mich dazu verdammt, einen dramatischen Fluchtversuch über einen alten keltischen Handelsweg durch das Gebirge an der „Reither Alm“ antreten zu müssen, wobei mich unterwegs der Wetzlarer Skiclub laut grölend mit Jagatee und Prosecco zwangsernährt.

Nein, es war keiner dieser Albträume, und schon gar nicht war es jener, in dem ein Feuer meine kleine private Bibliothek vernichtet und die einzigen beiden erhaltenen Bücher ausgerechnet Hans-Jürgen Irmers Volkslieder-Gesangsfibel und Sibylle Pfeiffers Kochbuch sind. Wobei in einem ähnlichen Traum schon mal meine gesamte Tonträgersammlung ein Raub der Flammen wurde und nur „Olé olé, olé ola – Olé Espana“ von Michael Schanze und der deutschen Nationalmannschaft aus dem Jahr 1982 übrig blieb. Aber welcher Traum war es denn nun, der mich neulich so erschreckte? Das habe ich vergessen, irgendwas mit „Abitur“ und „noch mal geprüft werden“. Kann wohl doch nicht so schlimm gewesen sein.

 

Dies schreibt frank & frei

Ihr Frank Mignon


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2017
Kommentare (0)
Mehr aus Serie: Kolumne "frank und frei"