Frank & frei

 

„An dem Punkt, wo der Spaß aufhört, beginnt der Humor.“ Dieser berühmte Satz des unvergessenen Kabarettisten Werner Finck bringt es auf den Punkt. Neulich beim Abendbrot ergab sich eine heitere Diskussion mit meinem mittlerweile 10-jährigen Sohn, dem ich die meiner Ansicht besten Zitate deutschsprachiger Kabarettisten um die Ohren warf, nur um dann erstaunt feststellen zu müssen, dass die Jugend von heute schon viel mehr Ironie und Hintergründigkeit verarbeiten kann, als wir es einst zu verstehen in der Lage gewesen wären.

Besonders die klassischen Wortspiele mit Doppelbedeutung haben es meinem Sprössling angetan und so stellten wir im Verlauf des Gespräches fest, wie aktuell gerade die Zitate Fincks in der heutigen Zeit sind. „Ich stehe hinter jeder Regierung, bei der ich nicht sitzen muss, wenn ich nicht hinter ihr stehe“. Man könnte meinen, Finck habe seinerzeit die Situation in der Türkei vorausgeahnt, besonders, da er einmal mitten in seinem Bühnenprogramm einem eifrig mitschreibenden Gestapo-Spitzel zurief: „Spreche ich zu schnell? Kommen sie mit? Oder muss ich mitkommen?“ Als ich dann meinem Jungen noch beschrieben habe, wie Finck einst von jener Gestapo verhaftet und vorschriftsgemäß bei der Einlieferung auf die Frage „Haben sie Waffen?“ die Antwort „Wieso, braucht man hier welche?“ gab, wurde klar, warum jedes totalitäre System den Narren fürchtet, lässt doch dieser wie mit einer Stecknadel die Luft aus dem schwülstigen Machtapparat.

Natürlich war es in den Jahren der Bonner Republik dann wesentlich ungefährlicher, den satirisch-ironischen Keil in ein Thema zu schieben, was Leute wie Dieter Hildebrandt dennoch nicht davon abhielt, selbst in scheinbaren Albernheiten einen wahren Kern zu verbergen. Und so amüsierte sich mein Sohn köstlich über jenen Ausspruch Hildebrandts aus einer „Scheibenwischer“-Folge über Sinn und Unsinn des Rhein-Main-Donau-Kanals, der in etwa so lautete: „In Hamburg sagt man Schiff-Ahoi, in Nürnberg wird man sagen: Hoi, a Schiff!“ Großartig, besser kann man es nicht machen. Im Grunde sollen sich Satire und Kabarett immer an den Idealen von Aufklärung und Humanismus orientieren. „Papa, was ist Humanismus?“, diese Frage meines Sohnes war zu erwarten. Doch wie ließe sich diese Grundhaltung besser beschreiben als mit dem Satz des österreichischen Kabarettisten, Musikers und Schauspielers Josef Hader, der einmal in einer TV-Sendung feststellte: „Humanismus is, dass ma schon schaut, wos geht, aber net ganz so.“ Was bin ich froh, dass man sich mittlerweile mit dem Nachwuchs über solche Sachen unterhalten kann.

Gegen Ende des Abendbrotes und kurz vor den üblichen Zahnputz-Anweisungen kam übrigens noch die Frage auf, was denn den Satiriker vom Redakteur unterscheide und warum ich mich für den Humor entschieden habe. Aufgrund der Ansammlung der vorangegangenen Zitate packte mich der Ehrgeiz, meinem Jungen wenigstens zum Schlafengehen etwas Eigenes mitzugeben:

„Ein Satiriker schreibt ab und zu absurde Texte über ernste Themen. Beim Redakteur ist es umgekehrt“.

Ich finde, für 20 Uhr abends war das kein schlechter Satz.

 

Dies schreibt frank & frei

 

Ihr Frank Mignon


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2017
Kommentare (0)
Mehr aus Serie: Kolumne "frank und frei"