Frank und frei

ich habe seit Samstag sehr schlecht geschlafen, denn die Ergebnisse der Volkszählung 2011 liegen vor und für uns Wetzlarer gilt: Wir haben ungefähr ein Prozent weniger Einwohner als bislang angenommen, will sagen: Wir haben zu wenig neue Einwohner angenommen. Ist unsere Stadt zu unattraktiv? Haben wir tatsächlich zu wenige Bauplätze? Oder zu viel Gezänk um die, die wir haben? Oder sind es gar Spätfolgen des "Pillenknicks"?

Doch es könnte noch schlimmer kommen, denn wenn es mal unter die 50 000 Einwohner rutscht, sind wir keine Sonderstatusstadt mehr. Und dann hätten wir, man traut es sich kaum auszusprechen, auch keinen Oberbürgermeister mehr.

Na gut, der Wetzlarer CDU kann das im Prinzip egal sein, aber stellen Sie sich mal vor, wie es seit Freitag in Oberbürgermeister Dette aussehen muss, wenn zu befürchten ist, dass er als "Wolfram der Letzte" in die Geschichtsbücher der Stadt eingehen könnte.

Und was denkt Manfred Wagner? Da ist man bei der Wetzlarer SPD so kurz vor dem Ziel und dann sowas. Unbestätigten Gerüchten zufolge sollen sämtliche Wetzlarer Sozialdemokraten im fortpflanzungsfähigen Alter von ihrem Stadtverband auf Zelturlaub nach Lenste geschickt werden, aber ohne Smartphone und mit nur je einem Schlafsack pro Pärchen.

Aber auch die Zahl der wohlhabenderen Mitbürgerinnen und Mitbürger scheint nicht schnell genug zu wachsen, auf dem "Lahnberg" spricht man angeblich bereits vom "Villen-Knick".

Angesichts dieser dramatischen Entwicklungen sind die Worte unseres Oberbürgermeisters von geradezu poetischer Melancholie: "Wir verspüren einen Zug vom Land in die Stadt, brauchen aber Baugebiete."

Wer schon mal an einem Gleis stand, der weiß: Wenn man einen Zug bereits verspürt, ist es meist schon zu spät, denn dann braust er gerade vorbei. Egal woher: Wir brauchen Leute. Also, holt die Oma weg vom Land und rein ins städtische Wohnheim.

Für die Tochter gibt es statt Au-Pair in den USA nur noch Austausch mit Oberwetz, denn so kann sie schön brav zu Hause wohnen bleiben. In unserer Stadtverwaltung soll bereits eine Task-Force mit dem Decknamen "Hier gebliebe" gegründet worden sein, die eventuelle Fluchtversuche unterbinden soll. Wenn jemand ankündigt, unsere Stadt zugunsten eines neuen Wohnortes verlassen zu wollen, wird künftig zunächst Stadtverordnetenvorsteher Udo Volck persönlich zum Hausbesuch erscheinen und, wie beim Kirchenaustritt, dem Sünder die Möglichkeit geben, sich zu erklären und seine Pläne zu bereuen.

Des Weiteren werden unsere rüstigen Wetzlarer CDU-Altvorderen an den Ausfallstraßen postiert, um Autos, die aus der Stadt fahren, anzuhalten. Stellen wir uns vor, wie Klaus Breidsprecher mit erhobenem Zeigefinger an die Scheibe klopft: "Na, wo wollen wir denn hin?"

Und Umweltdezernent Norbert Kortlüke soll bereits beauftragt worden sein, die geplanten neuen Windräder am Stadtrand so präparieren zu lassen, dass man eventuelle Flüchtlinge einfach zurück ins Stadtgebiet pusten kann. So bekommt der Begriff "Energie-Wende" eine ganz neue Bedeutung.

Also, liebe Wetzlarerinnen und Wetzlarer: Gehet hin und vermehret Euch, lasset die Kinder zu uns kommen und bleibet wohnen im Hause Wetzlars immerdar.

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Ihr Frank Mignon


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