Frank und frei

nachdem das futuristische Dach des Busbahnhofs nun schon einige Zeit unser Stadtbild bereichert und dem Gesamtbild dieses Verkehrsknotenpunktes an dieser Stelle bereits den Namen "Affenkäfig mit Vordach" eingebracht hat, ist nun auch die barriere-freie Unterführung zur Benutzung freigegeben. Somit kann auch unser neuer Kreisbeigeordneter Stephan Aurand, dessen Wahl am vergangenen Montag dann doch reibungslos über die Bühne ging, nun noch bequemer anreisen.

Sehen Sie: Unsere Region ist zwar barriere-, aber nicht karriere-frei. Viel Glück im neuen Amt.

Im Zusammenhang mit unserem neuen Bahnhof sprach unser Oberbürgermeister von einem "Quantensprung als weltoffene Stadt" für Wetzlar. Mein Nachbar hat mich darauf hingewiesen, dass physikalisch betrachtet ein Quantensprung ein sehr kleiner Schritt ist, der in sehr kurzer Zeit abläuft. Außerdem sei er in den meisten Fällen nicht mit einer qualitativen Veränderung des Systems verbunden. Wir haben uns am Gartenzaun entschieden, dies unserem Oberbürgermeister diesmal nicht vorzuhalten, da dieser ja schon durch die Verzögerungen bei der Bauzeit und die Scherereien bei den verspäteten Zahlungen der Deutschen Bahn genug Ärger mit der Sache hatte. Außerdem ist "Quante" ja auch ein volkstümlicher Begriff für "Fuß", und da man immer wieder Fahrgäste beobachten kann, die angesichts verspäteter Züge ihrem gerade abgefahrenen Stadtbus hinterher hechten, gewinnt der Begriff "Quantensprung" im Zusammenhang mit unserem Bahnhof eine ganz neue Bedeutung.

Bevor ich es vergesse: Ich wollte Ihnen noch von einem kleinen Erlebnis erzählen. Vor einiger Zeit saß ich im Kreise von Bekannten mit einem Ehepaar zusammen. Beide haben studiert, sind in ordentlichen Berufen tätig und vermutlich erheblich gebildeter und auf jeden Fall deutlich wohlhabender als ich. Und da ging es richtig los: Die Politiker seien ja "alle unfähig", man sehe ja, wie es bei uns zuginge und überhaupt wäre ja "alles ganz schlimm". Deshalb ginge man schon seit Jahren nicht mehr wählen. In diesem Moment schwenkte mein Blick auf die Straße, wo die beiden schmucken Fahrzeuge unserer vom Leben und den Mächtigen gebeutelten Widerständler abgestellt waren. Ist es nicht vielleicht heutzutage einfach nur "schick", sich als gutsituierter Nichtwähler zu bekennen, anstatt sich mal mit den Parteiprogrammen und den zur Wahl stehenden Kandidaten auseinanderzusetzen? Und niemand soll sagen, das sei ja zu mühsam, denn wer schon mal versucht hat, bei diesen amerikanischen Kaffeehaus-Ketten ein Heißgetränk oder bei diesen weltweit tätigen Sandwich-Leuten ein belegtes Backwerk zu erwerben, der weiß, wie eine wirklich unübersichtliche und schwierige Auswahl aussieht. Bei jeder Internet-Bestellung sind wir bereit, seitenlange Beschreibungen und Angebote zu wälzen und schreien sogar manchmal lautstark vor Begeisterung, wenn man der Werbung Glauben schenken darf.

Ich denke, unser Gemeinwohl sollte wenigstens die gleiche Aufmerksamkeit verdient haben. Auch deshalb gehe ich am Sonntag wählen.

Dies schreibt frank & frei Ihr Frank Mignon


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