Ruth Gerth geht wieder spazieren

HELFT UNS HELFEN Zwei Jahre war ihr das nicht möglich / Jetzt hilft ihr Sonja Hintz

Einfach mal raus an die frische Luft: Zwei Jahre lang war das Ruth Gerth nicht möglich, weil sie ihren Gehwagen nicht allein bremsen kann. Jetzt hat sie Sonja Hintz an ihrer Seite. (Foto: Heitz)

Sonja Hintz ist 57, Hausfrau und ehrenamtliche Vorlese-Oma im Breidenbacher Kindergarten. Über sich selbst sagt sie, dass sie gerne helfe, und dass sie Zeit habe. So viel, dass sie anderen etwas abgeben kann.

Ihre Dienstagvormittage schenkt sie Ruth Gerth, die ein paar Straßen weiter wohnt. Das haben die beiden vereinbart. Bei schönem Wetter holt Sonja Hintz die 81-Jährige auch außer der Reihe ab, um mit ihr spazieren zu gehen - einfach so, ohne irgendeine Form von Vergütung.

"Für mich sind das wertvolle Tage", sagt Ruth Gerth. Lange im Voraus schmiedet sie Pläne für die gemeinsamen Stunden. "Ich überlege immer ganz genau, was am wichtigsten ist." Die Wäsche zusammenlegen, den Papierkram erledigen, die Zitronen auspressen?

Sonja Hintz: Wir erzählen uns alles

Ruth Gerth hat keine nahen Verwandten mehr. Sie lebt in Breidenbach in einer seniorengerechten Wohnung. Lange ist sie ohne fremde Hilfe zurecht gekommen. Das änderte sich vor zwei Jahren. Zuerst gab sie das Autofahren auf. "Das war schlimm. Auf dem Dorf bist du dann wirklich aufgeschmissen. Aber es ging nicht anders, ich konnte die Schilder nicht mehr lesen." Dann folgten Stürze, Operationen und schließlich die Parkinson-Diagnose.

"Eigentlich müsste ich jetzt in ein Heim", sagt sie. Angemeldet habe sie sich sogar schon. Allerdings gebe es gerade kein freies Bett. "Zum Glück", seufzt sie, "ich will noch nicht hin. Ich mag meine Wohnung."

Anfang des Jahres sei sie gleichwohl verzweifelt gewesen, vom Alltag überfordert, sagt sie. Und dann mischte sich Daniel Simmer ein.

Der 34-jährige Sozialarbeiter koordiniert von Berufs wegen die Nachbarschaftshilfe im Hinterland. Bei ihm meldet sich, wer Unterstützung benötigt und wer sich einbringen möchte. Daniel Simmer führt Menschen zusammen, die sich sonst wahrscheinlich nie begegnet wären - wie Ruth Gerth und Sonja Hintz.

In die Wege geleitet wurde die Begegnung von einer Bekannten Ruth Gerths. Im Mai sprach diese Daniel Simmer auf dem Biedenkopfer Pflanzenmarkt an, der dort an einem Infostand für das Hinterländer Netzwerk Nachbarschaftshilfe (siehe Infokasten) warb.

Als er von Ruth Gerths Situation erfuhr, dachte er sofort an Sonja Hintz. "Bei einem der Helfertreffen hatte sie mir signalisiert, dass sie noch Kapazitäten habe", sagt der 34-Jährige. Und sie habe dann auch sofort zugesagt.

Wenn Sonja Hintz an das erste Treffen mit Ruth Gerth zurückdenkt, muss sie lachen. "Das war Liebe auf den ersten Blick", sagt sie. "Wir waren uns gleich sympathisch", bestätigt Ruth Gerth mit verschwörerischem Blick. "Wir erzählen uns alles", sagt Sonja Hintz, "das ist eine ganz liebe und tolle Frau."

Ruth Gerth: Hilfe einfach so anzunehmen ist schwierig

Sonja Hintz hat Ruth Gerths Leben verändert. Sie ist ihr eine Hilfe im Alltag, eine gute Freundin und der Schlüssel für die Welt hinter der Wohnungstür. Denn bevor die beiden einander kennenlernten, hat Ruth Gerth zwei Jahre lang ihre Wohnung nicht verlassen können, da sie die Bremse ihres Gehwagens nicht betätigen kann, was gefährlich wird, sobald es auch nur ein wenig bergab geht. Kein Wunder also, dass bei den beiden regelmäßig Spaziergänge auf dem Programm stehen.

Pläne haben die beiden aber auch für Schlechtwettertage. Als nächstes wollen sie ein Buch von Joachim Fuchsberger lesen. Sonja Hintz liest vor, Ruth Gerth hört zu. "Mit Lupe Lesen ist furchtbar anstrengend, da braucht man ewig für eine Seite", sagt sie. Der Buchtitel lautet "Altwerden ist nichts für Feiglinge". Eine These, die Ruth Gerth sofort unterschreiben würden. "Genauso ist es", sagt sie.

Die jüngste Lektion, die sie zu meistern hatte, hieß: Hilfe annehmen lernen. Gerade an den ersten Tagen mit Sonja Hintz sei ihr das schwer gefallen, einfach Danke zu sagen und es gut sein zu lassen. "Man ist es ja doch irgendwie gewohnt, dafür zu bezahlen", versucht sie sich an einer Erklärung und fügt nach kurzem Überlegen hinzu: "Eigentlich finde ich es immer noch schwierig."

- Bereits zum 13. Mal sammelt diese Zeitung zum Jahresende über den Verein "Helft uns helfen" Spenden. Die Zeitungsgruppe Lahn-Dill unterstützt bisher 13 Vereine oder Institutionen, die sich mit Patenschaftsmodellen für die Gesellschaft einsetzen. Wenn auch Sie Projekte unterstützen möchten, überweisen Sie eine Spende auf die im Logo angegebenen Konten. Spendenbescheinigungen werden auf Wunsch vom Verlag ausgestellt.

 

Hinterländer Netzwerk Nachbarschaftshilfe

Im Hinterland gibt es Menschen, die sich Unterstützung im Alltag wünschen, genauso wie Menschen, die sich einbringen wollen. Das Hinterländer Netzwerk Nachbarschaftshilfe (HiNN) bringt diese Menschen zusammen. HiNN ist 2010 vom Diakonischen Werk Biedenkopf-Gladenbach in Breidenbach gestartet worden, finanziell unterstützt von den Kommunen Angelburg, Breidenbach und Biedenkopf. Heute – vier Jahre später – bringen sich rund 90 Menschen in dem Netzwerk ein. Freiwillige sind im Einsatz als Hausaufgabenbetreuer, Integrationslotsen, Seniorenbegleiter oder Vorleseomas. Koordiniert wird die Nachbarschaftshilfe von Sozialarbeiter Daniel Simmer. Er bringt Menschen zusammen, begleitet die Helfer und organisiert Austauschtreffen.

Der Mornshäuser ist telefonisch erreichbar unter (06461) 9540 oder per E-Mail an daniel.simmer(at)dwhn.de.


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