Sprache ist der Schlüssel

HELFT UNS HELFEN Lesepaten helfen Flüchtlingen, Deutsch zu lernen

Bettina Bender (r.) hilft dem 25-jährigen Mohammed (l.) beim Deutschlernen. In seinem Heimatland Syrien hatte er kurz vor seiner Flucht bereits ein Studium begonnen. (Foto: Keller)

Awate und Melake aus Eritrea (v. l.) gehören zu den stärksten Teilnehmern bei den Lesepaten in Blessenbach. Mit der Unterstützung von Patin Renate Chambers lesen und verstehen sie mittlerweile schon ganze Zeitungsartikel und können sich auch gut auf Deutsch verständigen. (Foto: Keller)

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Bücher, Übungsblätter und Zeitungsausschnitte liegen auf dem Tisch. Die beiden jungen Männer aus Eritrea, Awate und Melake, lesen gerade einen Zeitungsartikel aus der vergangenen Woche laut vor. Ein paar Plätze weiter bearbeitet Bettina Bender zusammen mit dem 25-jährigen Mohammed aus Syrien ein Arbeitsblatt aus einem Deutschheft.

Nicht nur die Lesepaten, zu denen auch Gudrun Ehm gehört, sind freiwillig hier, auch die jungen Männer, die in der Sammelunterkunft in der Blessenbacher Unterstraße leben, kommen aus eigenem Antrieb zur "Lesestunde".

Die Atmosphäre ist familiär. Meist kann ein Lesepate  mit zwei oder drei Teilnehmern in Kleingruppen arbeiten. Die Deutschkenntnisse geben in aller Regel vor, wer mit wem in welcher Gruppe sitzt. "Awate und Melake können sich mittlerweile wirklich gut auf Deutsch verständigen", sagt Renate Chambers. Bei anderen Kursteilnehmern müsse man ganz vorne anfangen. Das heißt auch, dass manche Flüchtlinge zunächst das Alphabet lernen müssten. Vorgelesen, wie es der Begriff der Lesepaten suggeriert,  wird aber auch regelmäßig.

In ihrer Kirchengemeinde in Laubuseschbach haben Renate Chambers und Silke Meyer vom Lesepaten-Projekt in Blessenbach gehört. Koordiniert wird es vom Ortsbeirat, der Gesellschaft für Ausbildung und Beschäftigung Limburg (GAB) und dem evangelischen Dekanat Runkel.

"Die Sprache ist der Schlüssel für die Jungen, sich hier zu integrieren", sagt Chambers. "Außerdem erfahren wir selbst auch viel über die Herkunftsländer der Jungen und blicken mal über unseren Tellerrand hinaus."

Mit 24 Jahren sind Melake und Awate zu alt, um Deutsch in der Schule zu lernen

Melake und Awate gehören zu denen, die bereits seit einem Jahr in Blessenbach leben und von Beginn an, am Lesepatenprojekt teilnehmen. Deutsch in der Schule lernen, dürfen sie nicht: Mit 24 Jahren sind sie zu alt dafür. Stattdessen gibt es zweimal in der Woche Unterricht bei einer pensionierten Lehrerin aus Blessenbach.

Einen Sprachkurs an der Volkshochschule, mit insgesamt 100 Unterrichtsstunden, hat außer den beiden kaum einer der Flüchtlinge absolviert. Die Begründung des Sozialamts: kein Geld. "Dabei soll doch das ,Hessische Maßnahmenpaket Asyl' gerade mehr Deutschkurse möglich machen", ärgert sich Renate Chambers.

Dass sie immer mit einer bunten Mischung verschiedenster Nationalitäten und Kulturen zu tun haben, darauf haben sich die Lesepaten schon eingestellt. Dennoch werde es immer schwieriger Sprachkenntnisse zu vermitteln. "Wenn jemand nicht einmal das Alphabet kann, dann stoßen auch wir an unsere Grenzen", sagt Chambers und sieht vor allem die Politik in der Pflicht den Zugang zu qualifizierten Sprachkursen zu erleichtern.

Irgendwie klappt die Verständigung dann aber doch immer. Manchmal auch über mehrere Sprachen. "Arabisch ist bei den meisten der gemeinsame Nenner. Damit kommen die Flüchtlinge untereinander  am besten zurecht", erklärt Ortsvorsteher Georg Ehm. Er verbringt auch außerhalb der wöchentlichen Lesepatenschaft viel Zeit mit den Flüchtlingen. "Keine Langeweile aufkommen lassen und den Jungs eine sinnvolle Beschäftigung anbieten", so lautet sein einfaches wie gleichermaßen einleuchtende Credo für eine gelungene Integration in einem Dorf wie Blessenbach, das selbst nicht mehr als 600 Einwohner hat.

Um die meisten Angebote kümmert sich Ehm. Zahlt oft aus eigener Tasche oder sucht nach Sponsoren, die seine Arbeit unterstützen. Regelmäßige Fahrten zum Supermarkt, der Besuch des Fußball- oder Tischtennistrainings inklusive entsprechender Ausrüstung, oder aber ein Besuch bei der Apfelweinkelterei in der Nachbargemeinde sind nur einige Beispiele. "Ich habe einfach das Bedürfnis den Menschen zu helfen, auch damit sie nicht vor Langeweile auf dumme Gedanken kommen", sagt er.

Ein Monat in Libyen, drei Jahre im Sudan, drei bis vier Tage in Italien, dann nach Deutschland und letztlich nach Blessenbach: Das sind die Stationen von Melakes langer Reise. Sein Heimatland Eritrea hat er verlassen, weil er dort für sich keine Zukunft gesehen hat und zwangsläufig zum Militär gemusst hätte. "Wir finden es hier richtig  gut", sagen Melake und Awate, die auch ein bisschen stolz sind, am besten Deutsch zu sprechen.

Ihr Aufenthalt in Blessenbach ist mittlerweile aber schon wieder Geschichte. "Die beiden verlassen Blessenbach und werden in eine Unterkunft nach Elz versetzt", sagt Georg Ehm. Die  Deutschstunden bei der pensionierten Lehrerin wollen sie aber auch weiterhin besuchen. Die Fahrten von Elz nach Blessenbach wird Ehm wohl auch wieder organisieren.

Etwas Wehmut herrscht daher schon, als Awate und Melake sich zum letzten Mal von ihren Lesepaten verabschieden. Ihre Plätze in der Flüchtlingsunterkunft sind schon wieder für die Nächsten eingeplant. Auch den Neuen werden die Paten wieder dabei helfen, Deutsch zu lernen, um sich in Blessenbach zu integrieren.

- Bereits zum 13. Mal sammelt diese Zeitung zum Jahresende und auch im nächsten Jahr über den Verein "Helft uns helfen" Spenden. Die Zeitungsgruppe Lahn-Dill unterstützt bisher 13 Vereine oder Institutionen, die sich mit Patenschaftsmodellen für die Gesellschaft einsetzen. Wenn auch Sie Projekte unterstützen möchten, überweisen Sie eine Spende auf die im Logo angegebenen Konten. Spendenbescheinigungen werden auf Wunsch über den von diesem Verlag gegründeten Verein ausgestellt.

 

Lesepaten gesucht

Koordiniert wird das Lesepatenprojekt von der Gesellschaft für Ausbildung und Beschäftigung (GAB) Limburg und dem evangelischen Dekanat Runkel in enger Zusammenarbeit mit den Ansprechpartnern vor Ort.
Das Projekt wird im Rahmen des Xenos-Programms „Integration und Vielfalt“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert. Wer sich vorstellen kann Lesepate zu werden, kann sich beim Dekanat Runkel bei Pfarrer Joachim Naurath, Telefon (06431) 4794927, oder der GAB bei Rita Fricke, Telefon (06431) 947635, melden. Regelmäßige Treffen finden derzeit in Limburg, Elz, Hadamar, Blessenbach und Kirberg statt.


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