Börne und Thiel sind die Favoriten

FERNSEHEN Zum 999. Tatort kommen nur ein paar Zuschauer ins "Quodlibet"

Über den Bildschirm im „Quodlibet“ flimmert der 999. Tatort. (Foto: Schwarzwäller)

Wir haben kurz nach acht, draußen ist es ungemütlich. Im „Quod“ – in Marburg allen Liebhabern von Craft Beer ein Begriff und natürlich für seinen Biergarten bekannt – sind die meisten Plätze leer. Nachdem sich eine Gruppe Stammgäste verabschiedet hat, sitzen nur noch zwei junge Männer über ihrem Bier, und zwei junge Frauen betreten die Kneipe. Bea und Isabel, beide 26, beide Tatort-Fans, wohnen noch nicht lange in Marburg, haben sich über die Arbeit kennengelernt und sind zum ersten Mal im „Quod“, nachdem sie beschlossen haben, an diesem Abend mal „auswärts“ zu gucken.

Bea hat zuvor in Würzburg studiert, Isabel in Wien. In beiden Städten gebe es viele Tatort-Fans, die zu „public viewings“ gehen. „Ich bin wirklich mit dem Tatort aufgewachsen“, erzählt Bea. „Als Kind waren die Ludwigshafener meine absoluten Helden, inzwischen mag ich den Münster-Tatort am liebsten, aber auch die Dortmunder und Borowski.“ Kommissar Borowski ist auch an diesem Abend der Ermittler. In Kiel geht es um einen Mord, der in eine Salafisten-Gemeinde führt. Und um die Frage, warum sich junge Deutsche verführen lassen, in den Dschihad zu ziehen.

Isabel sagt, früher sei Münster ihr Favorit gewesen, aber jetzt bemühe man sich oft ein bisschen zu sehr, ulkig zu sein. Das Team um Faber in Dortmund gefällt ihr inzwischen besser.

Bei den meisten Marburgern, die ins „Quod“ kommen, liegen aber Börne und Thiel vorn in Sachen Beliebtheit, erklärt Kneipeninhaber Jürgen Abel. Die treffen wohl auch den intellektuellen Nerv des in Marburg zumeist studentischen Publikums, vermutet er. Und auch er selbst mag die Münsteraner am liebsten. Im Durchschnitt seien es rund 20 Fans, die sich zum „Rudelgucken“ in seiner Kneipe treffen. Während Jürgen Abel aber am liebsten in Ruhe zu Hause vor dem Fernseher sitzt.

An diesem Sonntagabend, zum 999. Fall, ist das „Rudel“ deutlich kleiner. Nur ein weiterer Zweier-Tisch wird besetzt, und eine junge Frau, die sich kurz zuvor noch aufs Sofa neben Bea und Isabel gesetzt hatte, zieht beim Eintreffen ihrer Freundin mit der an einen anderen Tisch weiter weg vom Fernseher um. Die zwei jungen Männer, die Englisch miteinander sprechen, gucken mit, sind aber nicht wegen des Tatorts gekommen. „Wir sitzen schon länger hier“, erklärt der eine. Ihr Bier ist nicht das erste an diesem Abend.

Seit zwei Jahren läuft sonntags regelmäßig im „Quod“ der Fernseher zum Tatort

Seit rund zwei Jahren wird das „Quod“ jede Woche zum Wohnzimmer für Tatort-Fans. Normalerweise sei an einem Sonntagabend nicht viel los, sagt Jürgen Abel. Also habe man überlegt, was man machen könnte, um Gäste anzulocken. Kulinarische Angebote schieden als Möglichkeit aus, weil das „Quod“ eine reine Bierkneipe ist. Warum also nicht zum Tarort-Guckort werden? Bea und Isabel gucken jedenfalls konzentriert. Während der 90 Minuten reden sie kaum miteinander, diskutiert wird danach. „Das Thema war spannend, aber der Film eher zäh“, lautet ihr Urteil.

Die beiden sind angehende Psychologinnen und schauen mit ihrem Fachwissen Krimis vielleicht noch einmal etwas anders als andere Zuschauer. Und ihnen fällt auf, dass es in den letzten Jahren immer mehr „auf die psychologische Schiene“ geht im Tatort. Insbesondere wenn es um psychische Erkrankungen geht, sei die Darstellung aber oft klischeemäßig. Kommen sie denn nochmal wieder zum Gucken ins „Quod“? Eigentlich hatten sie sich fast schon dagegen entschieden, aber als sie hören, dass sonst doch deutlich mehr los ist (vielleicht war das Thema dieses Mal einfach nichts für einen Kneipenabend, vermuten sie), beschließen sie: na gut.

Beim nächsten Fall, dem 1000., ermittelt erneut Kommissar Borowski, zusammen mit seiner Kollegin Charlotte Lindholm. Und wer das Jubiläum mit anderen und einem gepflegten Bier begehen mag, der ist im „Quod“ willkommen.


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