Das halten Polizisten vom "Tatort"

UMFRAGE Sind die TV-Fälle realistisch?

Andreas Alt, 52 Jahre, aus Weilburg-Ahausen (Kreis Limburg-Weilburg), Polizeihauptkommissar bei der Polizeistation Limburg: „Ich schaue mir regelmäßig Tatort an. Dabei kommt es mir nicht darauf an, welcher Tatort läuft. Es gibt kaum eine Folge, die ich verpasse. Gerne schaue ich Tatort Münster mit Kommissar Frank Thiel. Die wenigsten Krimis entsprechen der Realität, vor allem der Tatort mit Til Schweiger. Dies war die schlechtes᠆te Folge, da er in seiner Person als Polizeibeamter zu viel in Schlägereien verwickelt war und zu viel Gewaltbereitschaft zeigte. Es gibt Folgen, die sind mal mehr, mal weniger nahe an der Realität dran.“ (Foto: Kapp)

Martin Ahlich, Polizeisprecher der Polizeistation Marburg: „Ich selbst habe eigentlich keinen Lieblings-,Tatort’, da ich Polizeisendungen eigentlich kaum gucke. Allerdings fand ich früher die alten ,Tatorte’ mit Hansjörg Felmy gut. Der spielte den ,Tatort’-Kommissar Heinz Haferkamp zu Zeiten, da war ich noch gar nicht bei der Polizei.“ (Foto: Heimrich)

Jürgen Schlick, Polizeisprecher der Polizeistation Marburg: „Ich habe ja selbst sieben Jahre in dem Fachkommissariat für Tötungsdelikte (Gewaltdelikte) gearbeitet und kann daher schon sagen, welcher Tatort realistisch ist oder nicht. Ich persönlich schaue mir den Tatort sehr selten an. Das liegt wohl daran, dass man im wahren Berufsleben zu oft in die Abgründe menschlichen Handelns geschaut. Zudem legt man als Polizeibeamter bei den Ermittlungsschritten naturgemäß  sehr hohe Maßstäbe an, die in einem Film natürlich nicht eins zu eins umgesetzt werden können. Wenn ich mir dann doch mal einen Tatort anschaue, dann bevorzuge ich Ulrike Folkerts als Linda Odenthal. Die Kommissarin ermittelt ruhig und sachlich und zeigt sich auch mal von ihrer sensiblen Seite. Mit dem martialischen Auftreten à la Götz George (Schimanski) und Til Schweiger kann ich persönlich überhaupt nichts anfangen, da es mit der Realität wenig bis gar nichts zu tun hat.“ (Foto: Heimrich)

Peter Conrad ist erster Kriminalhauptkommissar in Dillenburg. Er sieht den „Tatort“ durchaus kritisch. „Früher habe ich die Serie öfter geschaut, da war es noch sachlicher. Heute finde ich die Folgen oft abgehoben, mit zu viel Action und sehr realitätsfremd. Was aus meiner Sicht sehr entscheidend ist: Dem Zuschauer wird vermittelt, dass immer nur ein einziger Fall bearbeitet wird. Und das spiegelt überhaupt nicht die Realität bei uns hier wider. Jeden Tag kommt etwas Neues hinzu. Außerdem sieht man allzu oft Alleingänge des Kommissars. Auch das entspricht nicht der Realität.“ (Foto: Eckel)

Markus Schmitt lässt keinen "Tatort" aus. Der Vize-Chef der Wetzlarer Polizei hat schon als Bub "Tatort" geguckt und vermutet, dass das dazu beigetragen hat, dass er Polizist wurde. Von "völlig überzogen" wie die mit Til Schweiger und "recht nah dran" stuft er die Filme ein. Ihn stört hauptsächlich das Rollenbild. "In Wirklichkeit arbeiten Kripo und Schupo eng zusammen. Da sind Schutzpolizisten keinesfalls Handlanger der Kripo-Leute, wie es manchmal zu sehen ist." (Foto: Heller)

Polizeioberkommissarin Franziska Mittwoch von der Polizei in Wetzlar ist ein echter Tatort-Fan. „Ich bin damit groß geworden“, sagt sie. „Man kann sicher nicht alles so nehmen, wie es dargestellt wird. Aber da hat sich in den letzten Jahren auch viel getan. So ein Tatort muss ja auch einen gewissen Unterhaltungswert haben, und da gefällt mir der aus Münster am besten, auch wenn er polizeilich recht unrealistisch ist. (Foto: Heller)

Guido Rehr, Pressesprecher der Polizeidirektion Lahn-Dill, mag „Tatorte“, die unterhalten. Zum Beispiel den „Tatort“ aus Dortmund. „Der Charakter des Kommissars ist ziemlich abgedreht. Die Methoden, mit denen er vorgeht, und wie er sich gegenüber seinen Mitmenschen verhält – das ist so weit weg von der Realität, das es schon wieder einen Unterhaltungswert hat. Das gleiche gilt für den ,Tatort’ aus Münster, in dem auch ein Gerichtsmediziner ermittelt. Was in Wirklichkeit nie passieren würde. Wir haben bei der Polizei ganz klare Zuständigkeiten, die aber in den ,Tatorten’ regelmäßig vermengt werden. Und zwar so, dass man seine Polizei nicht mehr wieder erkennt. Die Filme müssen unterhalten und spannend sein. Irgendwas bleibt dabei immer auf der Strecke.“ (Foto: Archiv)

Rolf Krämer, Leiter der Polizeidirektion Lahn-Dill, schaut den „Tatort“ nur gelegentlich. „Ich habe hier jeden Tag ,Tatort’.“ Wenn der Polizeidirektor dann aber doch mal am Sonntagabend die Krimireihe einschaltet, dann am liebsten den „Tatort“ aus Münster. „Die Filme sind unterhaltsam, aber die Realität ist eben eine andere. Es wäre ernüchternd für die Zuschauer, wenn sich die Filme wie in der Realität abspielen würden.“ (Foto: Eckel)

Kriminalhauptkommissar Christof Brado ist stellvertretender Leiter des Kommissariats 10 der Kriminalpolizei in Wetzlar, eine Abteilung, die sich mit der Aufklärung von Gewaltverbrechen beschäftigt. Und um solche geht es ja meistens, wenn sonntags abends der "Tatort" über die Mattscheibe flimmert. Brado schaltet dann um, weil ihm die Sendungen nicht realistisch genug sind. "Ich sehe das eben mit Kriminalistenaugen", sagt er. "Dann lieber gleich ,Lethal Weapon’ oder ,Stirb langsam’ mit Bruce Willis. Da weiß man von vorn herein, dass es absichtlich überzogen ist. Aber der Versuch, Krimis wirklich realistisch zu machen, der scheitert meist." (Foto: Heller)

Christian Janevski, 41 Jahre, aus Runkel-Wirbelau (Kreis Limburg-Weilburg), Polizeioberkommissar bei der Polizeistation Weilburg: „Das ist genau mein Thema. Ich bin großer Tatort-Fan und schaue mir leidenschaftlich gerne jede Folge an. Mein Lieblingstatort ist Tatort Münster mit den Kommissaren Frank Thiel und Prof. Karl-Friedrich Boerne. Von der Vorgehensweise her sind viele Tatort-Folgen nahe an der Realität. Zu spektakuläre Folgen, wie die Folge mit Til Schweiger, gefallen mir nicht. Das ist auch weit weg von der Realität.“ (Foto: Kapp)

Für Kriminalhauptkommissar Martin Woche von der Kriminalpolizei Lahn-Dill wäre eigentlich die Serie „CSI“ die Richtige. Schließlich ist er Leiter der Abteilung, die an echten Tatorten die Spuren sichert und auswertet. „Ich sehe die Sendungen gern, am liebsten die aus Münster“, sagt er, weil die Spaß machen. Realistisch sind nur wenige der Krimis. Was ihm besonders auffällt: Die TV-Kommissare schreiben sich nichts auf. „Nie hat jemand Stift und Zettel“, obwohl das in der Realität notwendig ist. Und nie sagt in Wirklichkeit ein Kripomann zum Schutzpolizisten „abführen“, wenn der Täter geschnappt ist. In der Realität steht die Kripo nicht über den uniformierten Polizisten. „Es ist eben Unterhaltung.“ (Foto: Heller)

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Aber wie sehen echte Polizisten die Filme? Sind die Fälle und die Ermittler realistisch langweilig? Oder so abgedreht, dass es schon wieder Spaß macht? Welches Ermittlerteam ist für die Experten das beste?

Lesen Sie heute in unserer Serie zum 1000. Tatort eine Umfrage unter Polizisten der Region. (red)


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