Der letzte Anker heißt "Tatort"

FERNSEHKULT Mehr als Münster - es lebe Dortmund: persönlicher Blick auf fünf Jahrzehnte

Taxi! Im 1000. „Tatort“, den die ARD am Sonntag (13. November) zeigt, ermitteln die Kommissare Lindholm (Maria Furtwängler), Affeld (Hans Uwe Bauer, Mitte) und Borowski (Axel Milberg) gemeinsam. Der aktuelle Fall trägt dabei denselben Titel wie der allererste: „Taxi nach Leipzig“. (Foto: NDR / Meyerbroeker)

Tanz! Thiel (Axel Prahl, l.) und Boerne (Jan Josef Liefers) haben allen Grund zur Freude: Sie sind die erfolgreichsten Ermittler. (Foto: dpa)

Terror! Faber (Jörg Hartmann, r.) – der streitbare Einzelgänger in Dortmund – gilt unter Kennern als einer der besten, weil ungewöhnlichsten „Tatort“-Kommissare. (Foto: WDR / Thomas Kost)

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Ich wollte diese Jacke. Wer eine echte Schimanski-Jacke trug, war ein Held – soviel war mir Steppke klar, der ich mit weit aufgerissenen Augen auf dem Sofa saß und Krimis guckte, wie sie die Republik bis dahin nie gesehen hatte.

1981 hatte der große Götz George seinen ersten Auftritt als Ruhrpott-Rumpler Horst Schimanski. Mal laut pöbelnd, mal leise nuschelnd veränderte er nicht nur die Sehgewohnheiten der Fernsehnation, sondern auch das Bild jener Krimireihe, die er ein Jahrzehnt lang prägte wie kein Zweiter. In den elf Jahren zuvor war der „Tatort“ eine ähnlich dröge Angelegenheit gewesen wie vergleichbare Serien. „Derrick“ und „Der Alte“ schleppten sich müde über den Bildschirm – und seien wir ehrlich: Trimmel (Walter Richter), Haferkamp (Hansjörg Felmy) und auch der umstrittene Zollfahnder Kressin (Sieghardt Rupp) waren nicht viel aufgeweckter.

Fluchen statt schleichen: „Schimmi“ läutet eine neue Ära ein

Unser Schimmi war da von anderem Kaliber. Plötzlich wurde gerauft und geschossen, gelacht und geflucht. In den beiden letzten Tätigkeiten mag er mich an meinen Vater erinnert haben, neben dem ich saß, wenn George im Ruhrgebiet aufräumte. Auf jeden Fall mochte ich den charismatischen Klotz, dessen erstes Wort als „Tatort“-Kommissar dasselbe war wie sein letztes: „Scheiße!“ (Hier lesen Sie es gedruckt, gesprochen löste es seinerzeit einen kleinen Skandal aus.)

Es folgten die musischen Nordlichter Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Brauer), der feingeistige Radfahrer Palu (Jochen Senf) oder Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain (Bernd Michael Lade) aus dem damals neuen Teil der Republik. Sie alle trugen dazu bei, den „Tatort“ langsam, aber stetig zu dem zu machen, was er heute längst ist: ein Stück Kulturgut, eine Legende fast und auf jeden Fall für viele der letzte Anker in einer bunter und schneller werdenden Medienlandschaft. Natürlich macht es Spaß, „Game Of Thrones“ staffelweise im Bezahlfernsehen zu gucken, selbstverständlich starren wir aufs Tablet, wenn wir unterwegs sind. Aber am Sonntagabend um 20.15 Uhr versammeln wir uns alle vor der klassischen Glotze, genießen die sanfte Gänsehaut oder das leichte Schmunzeln. Das eint uns, das ist der Ruhepol vor dem Start in eine neue (Arbeits-)Woche.

Meine persönliche „Tatort“-Geschichte dauert jetzt schon mehr als 30 Jahre. Wie die meisten Beziehungen hat auch diese Höhen und Tiefen erlebt, und der 1000. Fall mag ein Anlass sein, sich an beides zu erinnern.

Der schlechteste Ermittler: Da muss sicher kein „Tatort“-Gucker lange überlegen. Winfried Glatzeder – inzwischen auch als Kandidat des „Dschungel-Camps“ bekannt – vernichtete in der Rolle von Hauptkommissar Ernst Roiter seinen guten Ruf. Die Video-Ästhetik trug ebenfalls dazu bei, dass dieser Versuch nur als misslungen betrachtet werden kann.

Der beste Ermittler: Faber (Jörg Hartmann), vom Schicksal gebeutelter Querkopf im Dortmunder Ghetto, ist der ungewöhnlichste, für seine Fans aber auch der sehenswerteste Kommissar. Wenn er sich im Zusammenspiel mit Partnerin Bönisch (Anna Schudt) in die Seele des Täters versetzt und dabei droht, den schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn in die falsche Richtung zu verlassen – das ist großes Kino und bleibt uns hoffentlich noch lange erhalten.

Die lustigsten Ermittler: Alle lieben Münster, also den chaotischen Cop Thiel (Axel Prahl) und den peniblen Gerichtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers). Und das nicht ohne Grund, denn der fast britische Witz des ungleichen Duos beweist nicht nur, dass für Humor am Krimi-Sonntag durchaus Platz ist, sondern beschert der Reihe mit jedem weiteren Fall neue Quotenrekorde. Ebenfalls immer für einen Lacher gut: das „neue“ Team aus Dresden und die jährliche „Tatort“-Parodie aus Weimar.

„Tatort“ im Kino: Schimanski hat's vorgemacht, da wollte sich der erfolgsverwöhnte Til Schweiger nicht lumpen lassen. Sein nicht bei allen beliebter Hamburger Haudrauf Tschiller kam ins Kino, wurde auf der Leinwand allerdings zum Rohrkrepierer. Schuld war das ignorante Publikum, da ist Schweiger sicher. Das wiederum kann gut damit leben.

Die Musik: Einmalig 400 Mark bekam Horst Lettenmayer dafür, dass seine Augen im Vorspann zu sehen sind – und das seit 1970. Beinahe noch bekannter ist die Titelmelodie, geschrieben von Jazz-Altmeister Klaus Doldinger, in der ursprünglichen Fassung eingespielt mit einem mittlerweile prominenten Schlagzeuger namens Udo Lindenberg. Der „Tatort“ brachte in den vergangenen Jahrzehnten zudem durchaus Hits hervor: „Faust auf Faust (Schimanski)“ von Klaus Lage kennt natürlich jeder.

Polizeiruf 110: 1989 wuchs zusammen, was zusammen gehörte, und der „Tatort“ bekam eine Schwesterreihe. Das Einschalten lohnt sich, vor allem, wenn Polizist Bukow (Charly Hübner) und Analytikerin König (Anneke Kim Sarnau) auf Mörderjagd sind.


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