"Wie wäre es mit einem Mittelhessen-'Tatort'?"

INTERVIEW Schriftstellerin Zoë Beck über ihre literarische Arbeit, das Synchronisieren und den Krimi-Klassiker

Zoë Beck hat sich mit ihren Thrillern einen Namen gemacht. (Archivfoto: Anette Göttlicher)

Frau Beck, Sonntag steht die 1000. Folge "Tatort" an. Gehören Sie zu den Fans?

Zoë Beck: Ehrlich gesagt nein. Ich habe vor über 20 Jahren vermutlich öfter Tatort geschaut, als ich es heute tue. Die Folgen mit Schimanski, zum Beispiel, mit Manfred Krug oder Ulrike Folkerts. Eine wirkliche Leidenschaft zu dem Format habe ich nie entwickelt, ich habe immer mal wieder reingeschaut, um mich zu informieren, was es für neue Teams gibt, aber zum „Tatort“-Fan, der jeden Sonntag um viertel nach acht einschaltet, hat es nie gereicht. Vielleicht liegt das an der sehr unterschiedlichen Qualität der einzelnen Folgen. Ich weiß es nicht, warum es mich nie recht packen konnte.

Welche TV-Krimiserie ist Ihr Favorit und warum?

Beck: Bei den deutschsprachigen Produktionen mag ich zum Beispiel „Der Kriminalist“, ich mag auch den neuen „Ein Fall für Zwei“ oder „Die Chefin“, die „Spreewaldkrimis“, das Prinzip von „Letzte Spur Berlin“ gefällt mir auch, weil ich das amerikanische Vorbild „Without a Trace“ schon sehr mochte. Es gibt so einiges, bei dem ich gern zuschaue. Wirklich toll finde ich einige englischsprachige Produktionen wie „Marcella“, „Happy Valley“, „Broadchurch“, „Luther“, „Sherlock“, „How To Get Away With Murder“, „London Spy“, „Fargo“, „Life on Mars“, „State of Play“ . Wobei das häufig auch eher Miniserien sind, die wie Spielfilme produziert wurden. Sehr gut fand ich auch „Kommissarin Lund“ und „Die Brücke“, und ich seh mir gern „Kommissar Beck“ an.

Wie finden Sie die Tatorte für ihre Thriller?

Beck: Ich suche mir Orte, die zu den Themen und zu den Figuren passen, Orte, die mich interessieren und zu denen ich einen Bezug habe.

Woher kommt die Initialzündung für einen Roman? Ist es ein Foto, eine Schlagzeile, ein Mensch, etwas aus dem Netz?

Beck: Es kann alles sein. Manchmal merke ich, dass mich ein Thema sehr interessiert und dass ich daraus eine Geschichte machen möchte. Dann recherchiere ich und bleibe dran.

Wann wissen Sie: Das ist ein Thema für mich?

Beck: Wenn es mich wirklich nachhaltig interessiert.

Gibt es das auch, dass Ihnen nichts einfallen will?

Beck: Es kommt durchaus vor, dass ich hänge. Das hat dann meistens damit zu tun, dass ich mir die Figuren und ihre Motivationen noch einmal klarer machen muss.

Was machen Sie, um weiter schreiben zu können?

Beck: Es gibt bestimmte Techniken, wie man die Ideen ein wenig anschubsen kann. Meist hilft es, wie bereits gesagt, noch mal einen Schritt zurück zu treten und mit etwas Abstand zu schauen, wo es hängen könnte. Ganz akut hilft auch oft genug eine Runde spazieren gehen oder schlafen.

Haben Sie einen Lieblingsort zum Schreiben?

Beck: Nein, das ändert sich. Allerdings brauche ich Ruhe, ich kann nicht in einem Café schreiben. In der Wohnung kommen der Reihe nach alle Räume mal zum Einsatz. Na ja, fast alle.

Gibt es ein Ritual, zum Beispiel vorher den Schreibtisch aufräumen oder dass immer ein Glas Whisky am PC steht?

Beck: Ich muss den Alltagskram erledigen, sonst kann ich mich nicht aufs Schreiben konzentrieren. Deshalb: erst einmal die wichtigsten Mails durchgehen und so weiter.

Wer liest das fertige Manuskript als Erster?

Beck: Die zuständige Lektorin oder der zuständige Lektor.

Was macht die Arbeit am neuen Buch?

Beck: Da stecke ich mittendrin.

Wann wird es erscheinen?

Beck: Im Mai 2017.

Um was geht es?

Beck: Um organisierte Kriminalität, Drogenhandel und die Frage, warum der „War On Drugs“ immer weitergeht, obwohl er längst gescheitert ist und noch nie etwas Gutes gebracht hat.

London spielt eine wichtige Rolle, richtig? Warum ausgerechtet London?

Beck: Weil sich diese Stadt für größere Themen sehr gut anbietet. Bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen, die mich interessieren, lassen sich vor diesem Hintergrund gut aufzeigen. Mich interessiert die Stadt schon immer, sie hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert, und was nun durch den Brexit geschehen wird, darüber zu spekulieren, reizt mich auch.

Was viele nicht wissen: Sie schreiben die deutsche Synchronisation für „Orange Is The New Black“, eine der erfolgreichsten Fernsehserien der Welt, auf Netflix. Wie ist es dazu gekommen?

Beck: Ich arbeite schon seit vielen Jahren im Bereich Filmsynchronisation, früher habe ich hauptsächlich Cartoons gemacht, seit drei Jahren auch „echte“ Filme. Lieber noch als die Dialogbücher zu schreiben mache ich Regie und arbeite im Studio mit den Sprecherinnen und Sprechern. Das finde ich unheimlich spannend.

Was muss man bei dieser Arbeit beachten, zum Beispiel, was Lippensynchronität und Textlänge betrifft?

Beck: Genau das. Wann kommt ein Labiallaut, also ein Laut, bei dem die Lippen geschlossen werden, wann ist da ein großer offener Mund, auf den irgendwas mit einem O getextet werden muss ... Natürlich muss man die Länge beachten, das Deutsche ist oft viel länger als das Englische, und trotzdem muss der Sinn transportiert werden, das alles soll dann möglichst so klingen, als wäre es ein ganz natürlich gesprochener deutscher Satz. Wortspiele sind furchtbar schwierig. Mittlerweile starten Serien auf der ganzen Welt zur gleichen Zeit, was bedeutet, dass alle Synchronfassungen auch zur Ausstrahlung des Originals fertig sein müssen. Aber oft sind dann noch nicht mal die Originale fertig. Cartoons sind noch nicht koloriert, manchmal noch nicht mal fertig gezeichnet, oder wir bekommen halbfertige Originaltonmischungen geliefert. Oder die Spezialeffekte sind noch nicht fertig. Aber die deutschen Sprachaufnahmen können wir dann trotzdem machen.

Zu guter Letzt doch noch eine Frage zum „Tatort“? Welche Stadt sollte unbedingt in die Reihe aufgenommen werden?

Beck: Wie wäre es mit einem Mittelhessen-„Tatort“? Da gibt es doch so viele interessante Schauplätze und Themen.


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