Die "schweigende Mehrheit" gibt es

Flüchtlinge

Von Malte Glotz

Oder aber er konnte sich in Limburg auf eine wissenschaftliche Debatte einlassen – und das taten immerhin noch gut doppelt so viele Menschen, wie es Schreihälse im Nachbar-Landkreis gab.

Es ist bezeichnend, dass mehr Menschen sich drei Stunden im Limburger Priesterseminar auf eine zeitweise arg ins Theoretische abrutschende Diskussionsrunde einlassen, als zorngeladen durch die abendliche Kälte zu ziehen. Es ist nicht minder bezeichnend, dass jene, die aus der Flüchtlingskrise politisches Kapital zu schlagen versuchen, gar kein Interesse haben an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik: Das Regierungspräsidium Gießen, Gastgeber des Abends, ist zuständig für fünf mittelhessische Landkreise. Fünf Landkreise, in denen AfD und NPD bei der Kommunalwahl im Frühjahr teilweise beachtliche Ergebnisse eingefahren haben. Nicht einer dieser Politiker nahm am Donnerstag an der Diskussion teil – anders als viele Bürger.

Wenn von genau diesen Politikern von einer „schweigenden Mehrheit“ gesprochen wird, dann muss ich ihnen nach so einem Abend recht geben: Ja, es gibt diese „schweigende Mehrheit“. Doch anders als sie es behaupten, gibt diese „schweigende Mehrheit“ eben nicht ihnen Recht. Die „schweigende Mehrheit“ hat keine Lust auf Fackeln und Parolen, auf Blut und Boden, auf Nationalismus und Hass.

Die „schweigende Mehrheit“ stellt sich lieber in die Kälte und setzt ein Zeichen für Mitmenschlichkeit, für Hilfsbereitschaft, für Offenheit und für Fortschritt. Oder sie ist bereit, einen Abend lang tief in die Wissenschaft abzutauchen und – durchaus auch kritisch – über die Zahlen und Fakten hinter der Flüchtlingskrise zu diskutieren.

Eine dieser Zahlen: Rund zehn Prozent der deutschen Bevölkerung haben sich im vergangenen Jahr aktiv für Flüchtlinge eingesetzt. Das ist die wahre „schweigende Mehrheit“. Und solange es diese Hilfsbereiten gibt, solange mehr Menschen für Offenheit statt Abschottung demonstrieren, solange Menschen so ein großes Interesse an Fakten statt Emotionen haben, wie in Limburg – solange ist mir um den Zustand des Landes nicht bange. Auch nicht in einem Wahljahr.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2016
Mehr zum Thema
Kommentare (4)
Lieber JohnSire, Sie schreiben, wenn Sie sich öffentlich positiv zur AFD äußern, werde Sie stigmatisiert. Wissen Sie was? Umgekehrt wird ein Schuh draus. Ich hatte vor ein paar Monaten einen Leserbrief an die Zeitung mehr
geschickt, in dem ich mich kritisch mit der AfD und Pegida auseinandergestzt habe. Es hat nur wenige Tage gedauert, da hatte ich einen anonymen Brief im Briefkasten, in dem mir körperliche Gewalt angedroht wurde, falls ich so etwas noch einmal schreibe. DAS ist inzwischen die Realität in Deutschland!

Lieber onkelotti, Sie schreiben, wer öffentlich pro AfD zu argumentiert, erlebt übelste Denunzierungen und Konsequenzen von Arbeitsplatzverlust bis zu körperlichen Anfeindungen. Siehe oben, körperliche Anfeindungen erleben Sie dann, wenn Sie sich kritisch zur AfD äußern. Lesen Sie sich z.B. einmal folgenden Beitrag in tagesschau.de durch: http://www.tagesschau.de/inland/hass-gegen-geistliche-101.html DAS ist inzwischen die Realität in Deutschland! Und dass sich alle Parteien außer der AfD "noch mehr Zuwanderung aus erzkonservativen islamischen Regionen" WÜNSCHEN, ist mit Verlaub kompletter Unsinn! Die Ursachen für die vielen Flüchtlinge liegen in Krieg, Verfolgung, Terror und Vertreibung. Glauben Sie ernsthaft, deutsche Politiker wünschen sich noch mehr Krieg und noch mehr Terror auf der Welt, damit noch mehr Menschen nach Deutschland kommen? Ich glaube nicht, dass sich das ein einziger Politiker wünscht. Nicht einmal Frau Merkel, die ich auch nicht gewählt habe und die auch ich lieber heute als morgen los wäre. Und den Libanon als "warnendes Beispiel" für die Unterwerfung unter "mittelalterlicher Riten" zu sehen, ist ebenfalls blanker Unsinn. Haben Sie sich überhaupt einmal mit diesem Land befasst? Und mir geht es auch auf die Nerven, dass scheinbar nur noch in "Gutmenschen" (in AfD-Sprache auch gerne: "linksrotgrünversiffter Gutmenschenidiot") und "Nazis" unterschieden wird. Man sollte dann aber auch sachlich und mit Fakten argumentieren und nicht mit Unfug wie "Alle anderen Parteien wünschen sich entweder noch mehr Zuwanderung aus erzkonservativen islamischen Regionen..."
Meine Meinung nochmal auch zu diesem Standpunkt. Warum müssen Bürger ihre Ängste klarmachen? Mit dieser Berichterstattung stärkt man die, die man verhindern will. Warum hat man Angst? Angst macht mir die mangelhafte mehr
Gestaltung unseres alltäglichen Lebens. -Eigennutz vor Gemeinnutz. -Welche Konsequenzen werden den auch in dieser Zeitung vermittelt oder den Bürgern glaubhaft dargestellt.? Überzeugung beginnt mit täglicher Vorbildfunktion, nicht mit Reden bei Demonstrationen oder Aufmärschen. Warum hat Populismus jetzt so einen Erfolg? Die Medien versu­chen ununterbrochen, ihn zu erklären und zu bekämpfen. Besser wäre den Produktivitätszuwachs einzelner Branchen und Regionen in unserem Gebiet den Bürgern zu vermitteln. Auch die Chancen und Gefahren die daraus entstehen werden in Zukunft. Angst vor der Vergangenheit und aktuelle politische Gegenwart schafft keine glaubhafte Zukunft.Gemäss Wikipedia ist Populis­mus ein unspezifisches Schlagwort. Näher kommt der Duden: Dort wird er als opportunistische Politik bezeichnet, die die Gunst der Massen mit leeren oder unrealisti­schen Versprechungen zu gewinnen sucht. Da­bei muss ich unweigerlich an unsere Parteien denken. Vor Wahlen wollen sie mit der Überwindung des Kapitalismus, in einer sozialen Marktwirtschaft, nicht nur für mehr Gerechtigkeit sorgen, sondern auch eine wirksame Antwort auf den Rechtsrutsch geben. Das ist Populismus in Reinkultur.
Ich kann JohnSire nur beipflichten. Es greift mir zu kurz, immer nur in Schwarz und Weiß respektive "Gutmenschen" und "Nazis" zu unterscheiden. Was derzeit fehlt, und hierbei kann man sich tatsächlich größtenteils bei mehr
Frau Merkel bedanken, ist eine politische Heimat für konservative Wähler. Jene, die der Regierungsarbeit, speziell in der Innenpolitik, kritisch gegenüber stehen. Jene, die sich nicht getrauen, öffentlich pro AfD zu argumentieren, weil dies mitunter mit übelsten Denunzierungen und Konsequenzen von Arbeitsplatzverlust bis zu körperlichen Anfeindungen beantwortet wird. Aus meiner Sicht hat die AfD ein Alleinstellungsmerkmal: Sie erkennt und benennt die reale Bedrohung unseres Landes durch den politischen Islam. Alle anderen Parteien wünschen sich entweder noch mehr Zuwanderung aus erzkonservativen islamischen Regionen oder beschwichtigen die Situation, um Unruhe in der Bevölkerung zu vermeiden. Beides halte ich für absolut kontraproduktiv für die Sicherheitslage im Land und die gesellschaftliche Zukunft. Ich möchte jedenfalls nicht, dass Deutschland wie auch Frankreich und England in 30 Jahren islamisch geprägte Länder im Herzen Europas sind und unsere Töchter sich zunehmend mittelalterlichen Riten unterwerfen müssen. Der Libanon mag da als warnendes Beispiel dienen. Leider helfen mir bei der Lösung dieses Problems weder stechschrittmarschierende, fackeltragende Idioten noch "Gegendemonstranten", die nicht im Stande sind, ihre rosarote Multikulti-Brille abzusetzen. Ein historisches Dilemma!
Gibt es eine schweigende Mehrheit? Keine Ahnung. Es dürfte aber Millionen in diesem Land geben, die mit der aktuellen Regierungspolitik und insbesondere mit der Flüchtlingspolitik unzufrieden sind. Ein Teil davon - nur mehr
ein Teil - wird vermutlich AFD wählen. Dazu zähle ich mich. Nun käme ich nie auf die Idee, mich an einem rechten Fackelmarsch zu beteiligen und nationalistische oder ausländerfeindliche Parolen zu schreiein. Ich dürfte da keineswegs alleine sein. Vielmehr kenne ich die deutsche Geschichte und distanziere mich klar von NPD und Co. Auch hier dürfte ich keineswegs alleine sein. Was mich allerdings neben rechten Demonstrationen stört, ist die schlichtweg dumme und naive Instrumentalisierung deutscher Geschichte im Zuge der aktuellen Flüchtlingspolitik - hierzu empfehle ich folgendes Video eines (jüdischen) kanadischen Journalisten: https://www.youtube.com/watch?v=vnCmHww0oTQ
Übrigens: wenn ich mich öffentlich positiv zur AFD äußere, werde ich stigmatisiert, weswegen ich immer häufiger schweige. Einer argumentativen Diskussion wird meist ausgewischen. Von politischem Engagement sehe ich daher natürlich erst recht ab, denn wer will schon öffentlich geächtet werden.
Wo war jetzt also die Mehrheit - auf der Gegendemo oder der Disskusionsveranstaltung? Oder zu Hause? Oder ...?
Mehr aus Standpunkte Weilburg