Erinnern endet nicht

Von Jörgen Linker

In den vergangenen Wochen wurde in Deutschland über eine Frage zum Thema Gedenken diskutiert: Sollen Schüler KZ-Gedenkstätten besuchen müssen?

Ich war voriges Jahr in der Gedenkstätte Buchenwald zwischen Erfurt und Weimar. Dort stieß ich zufällig auf den Namen von Heinrich Wilhelm Baier, einem KZ-Häftling aus dem Lahn-Dill-Kreis. Er gehörte zu der Gruppe, der sogenannten „Berufsverbrecher“, also Vorbestraften, deren Schuld bereits gesühnt war, die aber während der NS-Zeit vorbeugend in Konzentrationslager weggesperrt wurden. Es war nicht mein Ziel, diese vergessene Gruppe von NS-Opfern in den Blickpunkt zu rücken. Es hat sich ergeben. Durch das zufällige Entdecken eines Häftlingsnamens aus dem Lahn-Dill-Kreis. Durch den Besuch der Gedenkstätte.

Es geht heute beim Thema Nationalsozialismus nicht mehr um die Frage der Schuld an den NS-Verbrechen. Schuld ist verknüpft mit dem Handeln oder Unterlassen von einzelnen Personen. Es geht heute um das Erinnern an die Vergangenheit und um die Verantwortung für die Zukunft – dass so etwas nie wieder geschieht. Wenn heute Politiker eine „Erinnerungskultur“ fordern, die einen Teil der Geschichte ausklammert und andere Teile in den Vordergrund rückt, dann ist das der Wunsch nach Verdrängung. Das ist feige, das ist Weglaufen vor der Vergangenheit.

Erinnern endet nicht. Und Verantwortung bleibt, immer.

In diesem Sinne die Antwort auf die Frage, ob Schüler KZ-Gedenkstätten besuchen müssen: Nein, nicht müssen. Aber: Man sollte den Besuch einer Gedenkstätte empfehlen. Damit das Erinnern nicht endet.


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