Moment mal

Von Jörgen Linker

Feuer, Erde, Lehm, Holz, Rindertalg, Wachs - was zum Handwerk gebraucht wird, ist in der Halle sichtbar. Und es gibt eine große Grube für den Glockenguss - wie in Schillers Gedicht von der Glocke: "Fest gemauert in der Erden steht die Form, aus Lehm gebrannt." Das Gedicht entstand vor 215 Jahren. Würde man die Elektrokabel von den Wänden reißen, könnte man sich in der Glockengießerei Rincker in Sinn in diese Zeit hineinversetzt fühlen. Ein Arbeitsplatz wie ein Stillleben.

"Die Glocken haben eine Seele", sagt Firmenchef Hanns Martin Rincker. Diese Seele spüren Kirchgänger später auch deshalb, weil sie beim Glockenguss dabei sein dürfen; weil sie Handarbeit sehen, Hitze spüren, flüssige Bronze riechen; weil nichts steril ist.

Kein Glas-Stahl-Betonbau, in dem Massenproduktion an einem Fließband entsteht. In der Gießerei scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Aber zur Wahrheit gehört auch das Bekenntnis von Rincker: "Es ist ein aussterbendes Gewerbe." Und: "Mit Glockengießen alleine kann man kein Geld verdienen." In Deutschland gibt es inzwischen nur noch sechs Glockengießereien. So hat Rincker auf weitere Standbeine gesetzt: den Service rund um die Glocken und die Kunstgießerei.

In Schillers Gedicht heißt es: "Und wie der Klang im Ohr vergehet, der mächtig tönend ihr erschallt, so lehre sie, daß nichts bestehet, daß alles Irdische verhallt."

Schön, dass dieses Handwerk in der Heimat noch sicht- und erlebbar ist.


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