Urteile auf Facebook

Von Jörgen Linker

Sie alle haben Qualifikationen, ihre Fachgebiete jahrelang studiert, Doktorentitel erworben, Staatsexamen abgelegt beziehungsweise ein Diplom als Ingenieur erhalten. Am Montag haben sie gemeinsam mehrere Stunden in einem Gerichtssaal in Dillenburg beraten, Zeugen gehört, einen Gutachter befragt. Und schließlich ist ein Urteil herausgekommen – gegen das Rechtsanwälte und Staatsanwältin noch Berufung einlegen können, wenn sie feststellen, das Gericht habe mit seinem Urteil Fehler gemacht. So geht Rechtsstaat.

Im Internet geht das schneller. Ein Bericht dieser Zeitung über das Gerichtsurteil steht kaum auf Facebook, schon steht für manche Facebook-Kommentatoren fest: „Die Strafe ist lächerlich“, „Das ist ein Witz“. Und Dutzenden Facebook-Nutzern gefallen diese Urteile der „Facebook-Schnell-Justiz“.

Die Fragen „Ist die Angeklagte schuldig? Und falls ja: Wie groß ist die Schuld?“ werden somit blitzschnell beantwortet. Es dauert nur wenige Minuten bis zu einem Urteil. Dazu braucht es keine Zeugen, kein Verfahren, keine Anhörung der Betroffenen, keine Qualifikationen. Es braucht nur Emotionen. Und den passenden Kanal dafür: Facebook.


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Kommentare (2)
"Monatelang haben mehrere Polizisten ermittelt,...
So geht Rechtsstaat."

"Es dauert nur wenige Minuten bis zu einem Urteil."

Und so geht: Im Namen des Volkes.
gut geschrieben
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