Zwischen Vernunft und Vertrauen

Von Christian Röder

Jeder, der eine erotische Aufnahme von sich per "WhatsApp" oder "Facebook" versendet, weiß, dass das Bild mehr als leicht missbraucht werden kann. Etwa, wenn die "wahre Liebe" sich als doch nicht so wahr herausstellt, oder eben einfach aus dem Versehen, weil der Empfänger nicht auf "Antworten", sondern auf "Weiterleiten" klickt. Seit Ende vergangenen Jahres berichten die Medien über das Jugendphänomen, betreiben Aufklärung. Auch dieser Artikel dient genau dazu: der Information und der Sensibilisierung. Doch wahrscheinlich wird er nichts daran ändern, dass so mancher sich in sexy Unterwäsche ablichtet und virtuell an seine aktuelle Flamme schickt. Das Verschicken eines erotischen Schnappschusses ist in erster Linie ein Vertrauensbeweis. Und Vertrauen ist eben nicht rein logisch begründet, sondern basiert auf der schlichten Annahme "Dir kann ich vertrauen. Deshalb sende ich dir nun dieses Bild." Je gefährlicher, intimer und riskanter eine solche Aufnahme dann ist, desto größer ist der Vertrauensbeweis. Der Reiz, etwas von sich preiszugeben, das nur der Gegenüber weiß, siegt über die Vernunft, die sagt, "Lass das mal lieber sein". Vielleicht muss dieses Vertrauen erst enttäuscht werden, bevor das Web 2.0 "Sexting" als das erkennt, was es ist: zutiefst unvernünftig.


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