Das Wiesbadener Stadtmuseum residiert seit einem Jahr im...

Foto: Bernd Blisch  Foto: Bernd Blisch

Es gibt nicht wenige Männer, die die Lego-Leidenschaft ihrer Kindheit voller Hingabe auch im Erwachsenenalter pflegen. Bernd Blisch hingegen hat es eher mit Playmobil. Die...

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. Es gibt nicht wenige Männer, die die Lego-Leidenschaft ihrer Kindheit voller Hingabe auch im Erwachsenenalter pflegen. Bernd Blisch hingegen hat es eher mit Playmobil. Die Figuren gab es in seiner Kindheit zwar noch nicht, dennoch bevölkern sie scharenweise seinen Arbeitsplatz: Der befindet sich nämlich – abgesehen vom Projektbüro mit gewöhnlicher Ausstattung in der Friedrichstraße – im Marktkeller. Hier ist das Stadtmuseum (Sam) untergebracht, und die Playmobil-Ausstattung ist Teil der beliebten Kinder-Ausstellung „Die spinnen, die Mattiaker!“. Mit den Figuren können fünf- bis zwölfjährige Besucher das zivile römische Leben in Wiesbaden bis ins kleinste Detail nachspielen.

Foto: Bernd Blisch  Foto: Bernd Blisch
Oberbürgermeister Sven Gerich bei  der Sam-Eröffnung vor einem Jahr. Foto: Oliver Hebel  Foto: Oliver Hebel
Das Entree des  neuen Sam –  Stadtmuseum  am Markt.                     Foto: Bernd Blisch  Foto: Bernd Blisch

Bis zur Eröffnung des Museumsstandortes vor nunmehr einem Jahr hatten Blisch und sein Team eine mehrjährige schlagzeilenträchtige Odyssee erlebt. Dabei hatte es recht geruhsam begonnen: 2001 wechselte Blisch, der zuvor in Flörsheim acht Jahre lang das Kulturamt geleitet hatte, nach Wiesbaden. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, ob die Stadt ihre Sammlung Nassauischer Altertümer als eigene Sammlung aufbaut. Die Exponate lagerten im Depot, das Projektbüro Stadtmuseum war derweil in der Villa Clementine untergebracht, 2002 ging es dann in die Friedrichstraße. Dort nutzten Blisch und seine damalige Kollegin Bärbel Maul die Räumlichkeiten auch für Ausstellungen, etwa über Wiesbadener Industriekultur an Beispielen wie Kalle und Dyckerhoff im Jahr 2003.

Wohnzimmer-Atmosphäre im Projektbüro

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Die Eröffnung zur Schau „…und alle haben einen Jawlenskyfimmel“ im Herbst 2004 musste aus Platzgründen im Kulturforum gefeiert werden, beengt ging es ebenfalls in der Ausstellung zum 150-jährigen Bestehen der Griechischen Kapelle im Folgejahr zu. Rund 4000 Besucher erlebten im Schnitt die Ausstellungen im Projektbüro. „Für die Wohnzimmer-Atmosphäre war das eine gute Zahl“, freut sich Blisch rückblickend. 2007 wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, um dem Stadtmuseum einen Neubau zur Verfügung zu stellen. „Gleichzeitig war nun klar, dass die Sammlung Nassauischer Altertümer zur Stadt gehört“, erinnert sich Blisch. Die Planungen schritten voran, doch 2010 war plötzlich Schluss: „Auf einmal hieß es, der Bau sei zu teuer.“ Dennoch sei der Stadt klar gewesen, dass das Projektbüro als Ausstellungsort aufgrund der Platzverhältnisse nicht länger eine Option sei.

Die Wahl fiel schließlich auf die Passage hinter dem Standesamt, wo im Winter des gleichen Jahres auf der 130 Quadratmeter umfassenden Fläche eines früheren Cafés eine Ausstellung über „Wiesbaden und die Welt“ eröffnet wurde. Glücklich war Blisch damit nicht, die verwinkelte Lage hinter dem Alten Rathaus sei zu versteckt gewesen: „Man musste das Museum erst mal finden!“ Auch wenn die Einzelausstellungen es auf bis zu 2000 Besucher brachten, sei allen Verantwortlichen schnell klar gewesen, dass dies keine dauerhafte Lösung darstellt.

2014 wurde Blisch kommissarischer Leiter des Stadtmuseums. Nun stand auch wieder ein Neubau im Raum, der an der Wilhelmstraße nach dem Entwurf von Stararchitekt Helmut Jahn aus Chicago entstehen sollte. Das Gebäude sollte durch sein geometrisch-funktionales Design unter Verwendung von Glas und Aluminium selbst ein Kunstwerk darstellen und sorgte in der Stadt für heftigste Kontroversen. „Man merkte, dass Jahn es eher als Kunsthalle denn als historisches Museum sah“, bekennt Blisch. „Aber ich glaube schon, dass eine Annäherung geklappt hätte.“ Dazu kam es nicht. Im Dezember 2015 wurde das Projekt gekippt. Blisch, der noch am Vorabend auf einer Veranstaltung dazu gesprochen hatte, fiel aus allen Wolken, als er davon ohne Vorwarnung in dieser Zeitung lesen musste. Die Stadt begründete die Absage mit der mangelnden Unterstützung aus der Wiesbadener Bevölkerung.

2016 machte Oberbürgermeister Sven Gerich die Idee öffentlich, das Stadtmuseum im Marktkeller unterzubringen, das schon Anfang September auf 1300 Quadratmetern seine Pforten öffnete. Seitdem warten hier gleich mehrere Ausstellungen auf Besucher, etwa „Wiesbadens Lieblingsstücke“, die einen Überblick über die Stadtgeschichte von der Vor- und Frühgeschichte bis in die Gegenwart geben. Sie wurde kürzlich mit dem „iconic award“ 2017 ausgezeichnet und ist nun sogar für den „Deutschen Design Preis“ nominiert. In der „Schatzkammer“-Schau werden im vierteljährlichen Wechsel Höhepunkte der Sammlung Nassauischer Altertümer gezeigt, dazu gesellt sich die Kinderausstellung „Die spinnen, die Mattiaker!“.

Noch bis zum 24. September ist derzeit die Sonderausstellung „Görlitz – Wiederauferstehung eines Denkmals“ zu sehen, die in Bildern des Dresdner Fotografen Jörg Schöner die Pracht der Renaissance- und Barockstadt an der Neiße präsentiert. Wie lautet das Resümee nach einem Jahr? „Mit 20 000 Besuchern im ersten Jahr läuft es schon gut. Die historische Architektur ist nicht ganz einfach, ein White-Cube-Konzept mit leeren weißen Räumen wäre einfacher. Hier muss man immer aufpassen, wo eine Säule steht“, fasst Blisch zusammen. Dennoch zeigt er sich froh über die Räumlichkeiten.

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Premiere für die Dauerausstellung zur Wiesbadener Stadtgeschichte

„Es ist das erste Mal, dass es in Wiesbaden eine Dauerausstellung zur Stadtgeschichte gibt. Es existiert ein großes Potenzial, dass wir hier noch einiges mehr machen können. Im Nachhinein ist es schade, dass man nicht früher auf die Idee gekommen ist.“ Künftig stehe im Fokus, das Stadtmuseum in der Öffentlichkeit noch stärker bekannt zu machen. Das Besucherinteresse bei den Kindertagesstätten und Grundschulen sei bereits hervorragend; derzeit werde über Angebote für Oberstufenschüler und junge Erwachsene nachgedacht. Zudem solle die Strahlkraft über die lokalen Grenzen hinausgehen. „Wir möchten, dass mit der Zeit nicht nur alle Wiesbadener, sondern jeder Tourist oder Weihnachtsmarktbesucher von außerhalb das Stadtmuseum kennt.“

Zum Jubiläum nennt Blisch als künftige Baustelle nicht nur die Hoffnung auf größere Büroräume infolge der steigenden Mitarbeiterzahl, sondern auch die Unterbringungssituation der aktuell nicht im Marktkeller ausgestellten Exponate. Derzeit werden sie in Depots in Igstadt und im Künstlerviertel gelagert.