„Scherzanrufe“ verhindern Gespräche

Hilfe  Telefonseelsorge und Kinder- und Jugendtelefon haben ähnliche Erfahrungen

Gerhard Schlett (Foto: Rühl)
Anja Müller (Foto: Rühl)
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2016 hatte das Kinder- und Jugendtelefon des Vereins „Eltern helfen Eltern“ 5368 Anrufe. 2019 führten zu Beratungsgesprächen. Die meisten erwiesen sich als alternative Kontaktversuche, Aufleger und Schweigeanrufe, mit denen sich die 20 Mitarbeiter beschäftigten, sagte Anja Müller vor Mitarbeitern der TelefonSeelsorge Gießen-Wetzlar.

Sie plädierte dafür, die „Scherzanrufe“ nicht ärgerlich abzutun. Oft steckten echte Fragen hinter den vordergründig verbalen Attacken. Hier gelte es, den Anrufer in ein gutes Gespräch zu führen. Müller berichtete von provokanten Anrufen, bei denen Jugendliche sexuelle Fantasien äußerten und die bis hin zu sexueller Belästigung führten. Das Thema Sexualität beschäftige junge Menschen und es könnten durchaus Probleme oder Fragen hinter den Anrufen stecken, die der pubertierende Jugendliche anders nicht aussprechen könne. Oftmals hätten sie niemanden in ihrer Umgebung, mit dem sie darüber sprechen könnten.

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Nicht ärgerlich auflegen ...

Nicht ärgerlich aufzulegen, sondern ernsthaft auf das Gesagte einzugehen, signalisiere, dass die Mitarbeiter bei wirklichen Schwierigkeiten kompetente Ansprechpartner sind. Die Jugendlichen sollten sich angenommen fühlen.

Vor allem männliche Berater erleben, dass aufgelegt wird, sobald sie sich melden. Die Anrufe am Kinder- und Jugendtelefon werden vorwiegend von Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und 18 Jahren getätigt. 60 Prozent sind Jungen.

Müller führte aus, junge Leute wollten sich ausprobieren, würden den Anruf als Mutprobe verstehen oder einfach als Spaß. Beim Anruf könnten sie andere ihre Ohnmacht spüren lassen. Manche wollten erleben, dass sie etwas bewirken. Andere möchten ihre Aggressionen weitergeben. Doch am Beratungstelefon kommen auch schwere Themen zur Sprache. 2016 ging es bei 58 Anrufen in Gießen um sexuellen Missbrauch.

Anders als die Telefonseelsorge, die rund um die Uhr Dienst tut, ist das Kinder- und Jugendtelefon von Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr erreichbar. Samstags sitzen Jugendliche ab 16 Jahren am Telefon. Den hohen Anteil der Scherzanrufe hat die Telefonseelsorge nicht, da sich vor allem Erwachsene unter (08 00) 1 11 01 11 oder (08 00) 1 11 02 22 melden. 2016 waren es 11 500 Gespräche, so Pastoralreferent Gerhard Schlett. Etwa knapp 500 Gespräche haben mit Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 19 Jahren stattgefunden.

Am 8. November um 19.30 Uhr veranstaltet die Telefonseelsorge einen Info-Abend für interessierte Ehrenamtliche im Martinshof (Liebigstraße 20). (lr)


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