„Vergeben heißt nicht vergessen“

Gesellschaft  Bischof spricht in Hadamar/ Auch im Bistum Limburg ist Versöhnung noch ein Thema

Im Festsaal der psychiatrischen Vitos Klinik in Hadamar thematisieren Klinikdirektor Matthias Bender (rechts) und Bischof Georg Bätzing (links) Schuld und Vergebung. (Foto: Fluck)

Der Limburger Oberhirte habe seine Amtszeit vor gut einem Jahr unter den Wahlspruch „Congrega in unum“ („Führe zusammen“) gestellt, sagte der Ärztliche Direktor Dr. Matthias Bender, eine Aufgabe, in der Vergebung eine wichtige Rolle spiele. Die Vitos Klinik, die sich im zweiten Halbjahr mit Fragen wie Dankbarkeit, Offenheit und Humor befasse, wolle nun bei einer Fortbildung die theologische Dimension der Vergebung inhaltlich beleuchten.

Im Festsaal der Klinik griff der Bischof einleitend das schreckliche Geschehen in Virginia/USA aus dem vergangenen Jahr auf, als ein rechtsradikaler Mann mit seinem Auto in eine Gruppe von Demonstranten raste, die ein Zeichen gegen Rechtsextremismus setzten. Dabei war eine 32-jährige Frau getötet worden, deren Vater in einem Video öffentlich dem Täter vergab. Dieser habe es nicht besser gewusst.

Der Hass müsse durchbrochen werden durch die Vergebung. Nur so könne er hoffen, dass nicht etwas Negatives aus dieser Tat folge, sondern Menschen sich verändern würden, sagte der Vater.

„Schuld, Hass, Rache führten immer in einen Kreislauf hinein“, betonte Bätzing. Die Täter stilisierten sich zunächst als Opfer, um daraus ihre Tat zu rechtfertigen. Damit wollten sie die freie Gesellschaft treffen, um ihre eigenen Leute für ihre Tat zu gewinnen.

„Der amerikanische Präsident hat nicht kapiert, um was es da eigentlich geht“

„Eine irrsinnige Logik für Terror, der hierzulande die Polarisierung der Menschen bewirkt hat, die Flüchtlinge ablehnen, ohne die Ursachen ihrer Flucht zu hinterfragen“, führte der Bischof aus und merkte an: „Der amerikanische Präsident hat nicht kapiert, um was es da eigentlich geht.“

Auch Jesus habe mit seinem Tod am Kreuz den teuflischen Kreislauf von Schuld, Hass und Rache durchbrochen, um der Schuld den Stachel zu nehmen. Papst Johannes Paul II. habe 1981 seinem Attentäter vergeben und damit weltweit ein Zeichen gesetzt. Bätzing betonte: „Vergeben heißt nicht vergessen.“

Die zehn Gebote Gottes steckten den Beziehungsraum ab, in dem Christen die Aufgabe zukomme, ihren eigenen Platz zu suchen und auszufüllen. Schuldig werde, wer durch eine bewusste und willentliche Tat diese Vorgaben störe oder verletze.

Schuld erwachse im Herzen der Menschen, wenn sie Macht gegen einen anderen richten. Aus der Sicht des Glaubens spreche man von Sünde.

„Uns in der Kirche ist das sehr bewusst, wie Macht und sexueller Missbrauch Opfer schafft“, nahm Bätzing kein Blatt vor den Mund. Die Menschen seien für ein ganzes Leben geschädigt, die auch ungewollt selbst wieder zu Tätern werden könnten. Dieser Zusammenhang von Schuld werde im Alten wie im Neuen Testament sehr genau beschrieben. Im religiösen Sinne bedeute die Macht der Sünden den Tod.

Es gelte, Schuld und Person zu trennen. Nur wenn Schuld von der Person gelöst werde, könne ihr vergeben werden und der Mensch wieder frei leben, so der Bischof. Dies setze voraus, dass sich der Täter schuldig bekenne.

Früher habe man beichten müssen, doch wenn man das müsse, könne man die Gnade der Versöhnung nicht erfahren. Größe und Art der Schuld sind oft schwer zu bestimmen. „Man muss nicht Gott weiß was auf dem Kerbholz haben, um unter Schuld zu leiden“, sagte der Bischof als Seelsorger.

Auch die Kirchenspaltung vor 500 Jahren sei eine Schuldgeschichte. Martin Luther habe keine Spaltung, sondern eine Reform gewollt. Die Spaltung habe unsägliches Leid über das Volk gebracht. Der Dreißigjährige Krieg sei nur der Anfang gewesen. Ökumene sei ein Umkehrakt, in dem sich beide Konfessionen entschuldigten.

„Ich habe das ganze Jahr über keinen polemischen Ton gegen Katholiken gehört. Das ist ein Wunder“, führte der Bischof aus und bekräftigte: „Brüder und Schwestern sollen sich gegenseitig sagen: Wir sind einander schuldig geworden und vergeben uns.“

Im Bistum Limburg selbst könne man nicht ohne Schuld und Vergebung reden. Sein Vorgänger in der Vakanz, der Apostolische Administrator Manfred Grothe, habe ihm gesagt: „Ich leide daran, dass es mir nicht gelungen ist, Zeichen der Versöhnung zu setzen“. Er habe Bätzing beauftragt: „Bitte setze dich dafür ein, verletztes Vertrauen gegenüber dem kirchlichen Amt wieder herzustellen.“

„Was kann man tun, um Versöhnung zu erlangen? Wie konnte es sein, dass ein Bischof so handeln konnte und wer ist mitschuldig?“, fragte Bätzing ohne Namen zu nennen. Man könne Machtmissbrauch Vorschub leisten oder Grenzen setzen.

Limburg sei auch ein Akt der Befreiung gewesen, „weil es uns gezwungen hat, Transparenz herzustellen“.

Es sei ein neues Gemeinschaftsgefühl entstanden. „Wir sind auf diesem Weg schon weit vorangekommen, aber er ist nicht abgeschlossen. Ich werde und kann nicht sagen, wann die Aufarbeitung zu Ende ist, sondern die Betroffenen müssen es beschreiben. Ein großes Zeichen wäre, würden Verantwortliche um Verzeihung und Vergebung bitten.“ Dazu bedürfe es der Einsicht.


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