„Wohngemeinschaft“ ist ein Erfolgsmodell

JOBS  Agentur und Landkreis ziehen positive Arbeitsmarktbilanz für 2017 / Projekt ist „vom Kunden her gedacht“

Die Chefs der „Wohngemeinschaft“ im Arbeitsmarktbüro (von links): Agentur-Geschäftsführer Gerhard Wenz,Joachim Hikade vom Landkreis, der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow und Agenturleiter Volker Breustedt. (Foto: Koelschtzky)

Einmalig in Deutschland ist die „Wohngemeinschaft“, wie der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) das gemeinsame Arbeitsmarktbüro für Einwanderer von Arbeitsagentur, Landkreis und der Stadt Marburg nennt. „Es gibt Regionen, wo man zwei Wochen braucht, um überhaupt ein Telefonat zwischen Agentur und kommunaler Arbeitsverwaltung zustande zu bringen. Bei uns sehen sich nicht nur der Agenturleiter Volker Breustedt und ich ständig, wir haben die einzige Behörden-WG in Deutschland“, freut sich Zachow über das Modell. Hier arbeiten Mitarbeiter von Agentur, KreisJobcenter, Kreis-Ausländerbehörde und Sozialarbeiter der Stadt eng zusammen.

Das Arbeitsmarktbüro für Geflüchtete und Einwanderer im Gebäude der Arbeitsagentur ist eine Anlaufstelle für arbeitssuchende Geflüchtete ebenso wie für Ehrenamtliche und Arbeitgeber. „Hier entfällt das ganze Wirrwarr der unterschiedlichen Zuständigkeiten. Vertreter aller Behörden, die gebraucht werden, sitzen in benachbarten Büros“, beschreibt Agentur-Geschäftsführer Gerhard Wenz die ämterübergreifende Zusammenarbeit.

„Das Konzept ist natürlich vom Kunden her gedacht gewesen, aber wir stellen fest, dass wir auch viel voneinander lernen“, berichtet Zachow. „Und wir haben die Zivilgesellschaft als Akteur mit im Boot. Viele Arbeitsstellen für neu Gekommene wurden von Ehrenamtlichen arrangiert.“

Mit der gemeinsamen Arbeitsstelle hört die enge Kooperation zwischen Arbeitsagentur und Kreisverwaltung nicht auf.

„Wir hatten ein schwieriges Jahr mit gutem Ausgang“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete

Gibt es andernorts eher Konkurrenz, arbeiten die beiden Stellen, die für Leistungsbezug nach dem Sozialgesetzbuch III (Arbeitslosengeld) und dem Sozialgesetzbuch II (Hartz IV) zuständig sind, eng zusammen. „Dem Kunden ist es ja letztlich egal, in welchem Rechtskreis er ist. Hauptsache, er wird betreut“, sagt Breustedt.

Und so stellen sich auch KJC und Agentur gemeinsam dem Problem des Übergangs vieler Kunden von der Agentur zum KJC. „Die finanzielle Ausstattung beispielsweise für Qualifizierung ist extrem unterschiedlich“, erklärt Breustedt. Die Arbeitsagentur, die aus der Arbeitslosenversicherung finanziert ist, habe aufgrund der wachsenden Beschäftigung auch wachsende Mittel, während die aus Steuergeldern finanzierte Arbeitsverwaltung des Landkreises nicht mehr Geld bekomme, weil mehr Menschen zu ihr kommen. „Deshalb versuchen wir dafür zu sorgen, dass es zu diesem Übergang gar nicht erst kommt und investieren viel in die Qualifizierung“, sagt Breustedt.

Dieser engen Zusammenarbeit ist es teilweise auch geschuldet, dass beide Arbeitsverwaltungen zufrieden auf das abgelaufene Jahr zurückblicken können. „Wir hatten ein schwieriges Jahr mit gutem Ausgang“, fasst Zachow die Bilanz für das KJC zusammen. Das Marburger KJC habe das ganze Jahr in Hessen auf dem letzten Platz gelegen beim Zuwachs an arbeitsfähigen Leistungsempfängern, berichtet er. Das liege nicht nur an den Geflüchteten, die ja nach einem festen Schlüssel auf das ganze Land verteilt werden. „Unser Landkreis ist attraktiv, es ziehen viele Menschen hier her.“

Beim KJC habe man 2017 das Gefühl gehabt, von den immer neuen Klienten geradezu „überrollt“ zu werden, berichtet Zachow. Der Landkreis habe bundesweit des höchsten Zuwachs zu verzeichnen gehabt. „Dennoch haben wir es geschafft, einen Spitzenplatz bei der Integrationsquote zu erzielen, also dem Verhältnis von Integrationen in den Arbeitsmarkt zur Anzahl der Leistungsempfänger“, berichtet Zachwo.

Bei der Nachhaltigkeit der Integration, also der Langfristigkeit der aufgenommenen Beschäftigung, liegt der Landkreis bundesweit sogar auf Platz 1.Bei Neuzuwanderern aus nicht-europäischen Ländern ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung um 55,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, auch hier liegt der Landkreis mit Agentur und KJC im Hessenvergleich weit vorne.

„Wir haben auch im Bereich Ü 50 die Trendwende geschafft“, freut sich Marian Zachow

Besonders deutlich wird das bei Kunden, die aus Afghanistan kommen: Hier ist hessenweit die Integration in den Arbeitsmarkt um 45,6 Prozent gestiegen, bei Agentur und KJC im Landkreis um 77,2 Prozent. „Aber auch bei den Alleinerziehenden liegen wir in der Jahresbilanz vorne, hessenweit auf Platz vier und bundesweit auf Platz zwei“, berichtet Breustedt.

Bei den Arbeitssuchenden über 50 Jahre sei es ebenfalls gelungen, den Trend umzukehren. Während die Beschäftigung im Landkreis insgesamt um 2,4 Prozent gestiegen ist, ist sie bei den über 50-Jährigen um 7,3 Prozent gestiegen. „Wir haben auch im Bereich Ü50 die Trendwende geschafft“, freut sich Zachow.


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