"Alles geklärt, Bro?"

KRIMINALITÄT Wie ein Drogengeschäft abläuft und bei Haiger endet

Das Regenburger Kennzeichen deutet auf einen Mietwagen hin. Die Beamten haben Erfahrung. Drogenkuriere, illegale Einwanderer, meist sind sie in gemieteten Autos unterwegs. 13 Uhr, die Polizisten verfolgen den Golf, überholen, schalten die Leuchttafel mit dem Hinweis "Bitte folgen" an, winken den VW an der Autobahnabfahrt Dillenburg mit einer Kelle heraus. Auf dem Seitenstreifen folgt die Kontrolle. Die Fahrerin hat Angst, dass sie etwas falsch gemacht hat und ihren Führerschein verliert, der Beifahrer schwitzt und ist nervös, der Mitfahrer auf dem Rücksitz bleibt cool. Und im Kofferraum bestätigt sich der Verdacht. Unter der Abdeckung fürs Reserverad liegen zwei kleine, durchsichtige Dosen, gefüllt mit insgesamt 148 Gramm Kokain. Das war am 3. Juli dieses Jahres.

In dieser Woche mussten sich die drei Auto-Insassen vor dem Dillenburger Amtsgericht verantworten. Der Prozess gibt auch Aufschluss darüber, wie so ein Drogengeschäft abläuft, was für Menschen sich plötzlich vor Gericht wiederfinden und mit mehrjähriger Gefängnisstrafe rechnen müssen. Ein typisches Beispiel.

Am Steuer des Golfs saß eine 22-Jährige aus Bochum. Hauptschulabschluss, Friseur-Lehre abgebrochen, Teilzeitjobs als Kellnerin, arbeitslos, Hartz-IV-Bezieherin. Sie hat Schulden, knapp 10 000 Euro. Die Folgen von zwei früheren Strafverfahren: gefährliche Körperverletzung, Diebstahl, versuchter Raub. Die Frau wurde verurteilt, ihre Bewährungszeit läuft noch. Seit der Kontrolle auf der A 45 Anfang Juli sitzt sie in Untersuchungshaft in einem Frauengefängnis in Frankfurt.

Auf dem Beifahrersitz saß ein 24-jähriger Dortmunder. Betonbau-Lehre abgebrochen, als Staplerfahrer und Handlanger an Baustellen gejobbt, arbeitslos, Hartz-IV-Bezieher. Vor drei Jahren die ersten Joints geraucht. Aus Neugier, sagt er.

In seinem Strafregister stehen acht Einträge: Verstöße gegen das Waffengesetz (er habe ein Butterfly-Messer und einen Schlagring besessen), vorsätzliche Straßenverkehrsgefährdung, unerlaubter Besitz von Drogen, Fahren ohne Fahrerlaubnis. Er büßte jeweils mit Geldstrafen. Seit Anfang Juli, seit dem Kokain-Fund im Kofferraum, sitzt er ebenfalls in einem hessischen Gefängnis in U-Haft.

Auf dem Rücksitz ein 22-Jähriger aus Dortmund. Seine Karriere: Realschule abgebrochen, zwei Jahre versucht, mit Schrotthandel über die Runde zu kommen, Hartz-IV-Bezieher. Vergangenes Jahr meldete er Privatinsolvenz an, rund 20 000 Euro Schulden habe er gehabt - Ausgaben fürs Auto, für Handys und Telefonrechnungen hätten sich summiert. Er ist bereits mehrfach vorbestraft wegen Diebstahls, gefährlicher Körperverletzung und sexueller Nötigung. Zurzeit ist er noch auf freiem Fuß.

Nun sind alle drei vor dem Dillenburger Amtsgericht angeklagt, verwickelt in einen Drogenprozess. Der Vorwurf der Staatsanwältin lautet Drogenhandel mit "nicht geringen Mengen". Dafür droht ihnen mindestens ein Jahr Gefängnis. Zum Vergleich: Die 148 Gramm Kokain im Kofferraum seien das 18-Fache einer "nicht geringen Menge", sagt der Dillenburger Amtsgerichtsdirektor Michael Heidrich.

n Das Kokain ist das 18-Fache einer "nicht geringen Menge"

Der 24-jährige Beifahrer ist der Hauptangeklagte. In seiner Wohnung fand die Kripo noch 89 Gramm Marihuana, eine Feinwaage und Verpackungstütchen. Dazu eine Namensliste mit Zahlen dahinter: 250, 100, 60, 75 und so weiter.

Er packt vor Gericht aus. Seine Version: Auf dem Dortmunder Borsigplatz, dort wo die Borussia ihre Meisterschaften feiert, sprach er einen Araber namens Habibi (zu Deutsch: Liebling) an. "Die heißen alle so, die mit dem Scheiß zu tun haben." Und: "Sie stehen an jeder Ecke am Borsigplatz" - was auch sein Anwalt bestätigt. 160 Gramm Kokain hat der Angeklagte nach eigenen Angaben gekauft. Für 40 Euro pro Gramm. Macht zusammen 6400 Euro. Bezahlt habe er noch nicht. Das Geld sollte durch den Verkauf erst wieder reinkommen. 50 Euro pro Gramm sei angeblich als Verkaufspreis geplant gewesen.

Damit hätten sie mit dem Kokain-Handel 1600 Euro Gewinn gemacht, abzüglich der 446 Euro für den für eine Woche gemieteten Golf und des Spritgelds wären noch knapp mehr als 1000 übrig geblieben.

Richter Heidrich glaubt nur einen Teil der Geschichte. Er bezweifelt, dass man einfach so 160 Gramm Kokain auf der Straße von einem Unbekannten kaufen kann. Seine Erfahrungen aus anderen Drogenprozessen sprechen gegen diese Version. "Es ist vielmehr anzunehmen, dass es eine feste Bezugsquelle gab, die Sie hier nicht nennen wollen", sagt Heidrich. SMS des Hauptangeklagten an eine unbekannte Handynummer deuten darauf hin. Diese Nummer führte die Kripo aber nicht zum Handybesitzer, es wurde unter falschem Namen angemeldet.

Jedenfalls habe das Kokain nach Frankfurt verkauft werden sollen, berichtet der Hauptangeklagte. Der 22-jährige Mitfahrer aus Dortmund, ein Bekannter, "ist an mich herangetreten, er kannte jemand hier in der Gegend, der Kokain kaufen wollte".

Der Mitfahrer bestreitet alles vor Gericht. Er habe von dem Kokain nichts gewusst. Er sei von einer Shopping-Tour nach Frankfurt ausgegangen. "Alles andere höre ich zum ersten Mal."

Allerdings hatte die Polizei die Handys der drei Auto-Insassen beschlagnahmt. Und die beiden Männer hatten sich am Vortag Botschaften gesimst. So schrieb der angeblich ahnungslose 22-Jährige folgende SMS: "Alles geklärt, Bro?" "Bro" ist eine Abkürzung in der Jugendsprache und steht für Brother, also Bruder. Und: "Hast Du wenigsten die anderen Brötchen?" Mit Brötchen seien sicher keine Lebensmittel gemeint, stellt der Richter fest. Er sieht den Mann als "zweifelsfrei überführt".

Die 22-jährige Fahrerin habe von dem Drogengeschäft nichts gewusst, erzählt der Hauptangeklagte weiter. Es sei eine Bekannte, sie habe bloß das Auto fahren sollen, weil die beiden Männer zurzeit keinen Führerschein mehr besitzen. Er habe ihr gesagt, dass sie in Frankfurt einen Freund besuchen wollten. Mehr nicht. Und sie habe den Vertrag für den Mietwagen unterschreiben müssen. Er habe bezahlt - als Dankeschön für ihren Fahrdienst habe er den Wagen gleich für sechs Tage gemietet und ihr so lange überlassen wollen.

Richter Michael Heidrich spricht sie frei. Die U-Haft ist damit beendet, ihr Rechtsanwalt will eine Haftentschädigung beantragen. Sie erhält nun auch ihr sichergestelltes i-phone-4-Handy zurück.

Die beiden Männer müssen ins Gefängnis. Der 22-Jährige für zweieinhalb Jahre, der Hauptangeklagte für zwei Jahre und neun Monate - seine U-Haft wird angerechnet. Zu Prozessbeginn sagte er: "Ich habe das schnelle Geld gesehen und bin jetzt hier gelandet."


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