Bärfuss rockt das taT

LZG II Schweizer Schriftsteller liest aus "Koala"

Lukas Bärfuss (r.) und Manuel Emmerich. (Foto: Scholz)

Nein, Bärfuss gehört vielmehr zu denen, die eine Lesung zu einem eindrucksvollen Erlebnis machen. Doch bevor der Schweizer den rund 90 Gästen ein intensives Lektüreerlebnis bot, stand ein Wiedersehen an. Denn als Moderator hatte das LZG den ehemaligen Programmleiter Manuel Emmerich gewonnen. Noch als LZG-Mitarbeiter sei er 2010 zu einer Lesung des Schriftstellers nach Darmstadt gefahren. "Da hat Lukas Bärfuss das Versprechen gegeben, dass er mit dem nächsten Buch nach Gießen kommt und wir die Bude rocken", so der Moderator.

Lesung wird zum Erlebnis

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Bei der Vorstellung des Gastes verwies er darauf, dass der Schweizer mit Theaterstücken bekannt wurde und dass das Stück "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" 2015 ins Kino kommt. Neben weiteren Preisen erhielt er für "Koala" den Schweizer Buchpreis.

Und dann war Bärfuss dran. Knapp eine Stunde rezitierte er aus dem neuen Roman, in dem der Protagonist nach dem Selbstmord seines Bruders Nachforschungen über dessen Leben anstellt und eben auch über dessen Totem, den Koala. Besonders auffällig: Der Schweizer, der einen erfrischend vielschichtigen und formal komplexen Roman vorgelegt hat, bedient sich einer eher knappen, sehr präzisen Sprache. Hier ist kein Wort zu viel, aber auch keines zu wenig, nicht zuletzt ablesbar an den feinen Zwischentöne, mit denen er sein literarisches Personal profiliert.

Der Clou ist das erstaunliche Maß an Empathie für zwischenmenschliche Situationen und Charaktere, das gradeheraus in Sprache gegossen ist und es dem Leser so möglich macht, sich sehr tief einzufühlen. Kurz, ein brillanter Roman - der allein die Lesung aber noch nicht zum Erlebnis gemacht hat.

Erst im Verbund mit der Fähigkeit von Rezitator Bärfuss wurde das Ganze zu einem tollen Abend. Denn der Schriftsteller vermittelte von der ersten bis zur letzten Minute eine intensive und positive emotionale Gespanntheit, die wirklich ansteckend war. Das Ergebnis war eine mitreißende und packende Lesung, die von Anfang bis Ende bereicherte. Eigentlich überflüssig zu sagen, dass der Gast ohne Fehl und Tadel las und am Ende reichlich Beifall bekam.

Im anschließenden Gespräch mit Emmerich kamen die beiden unter anderem auf die Form des Textes zu sprechen. So habe die Kritik bemängelt, dass der Roman auch aus autobiografischen und naturgeschichtlichen Passagen bestehe, berichtete der Moderator. Warum er dann die Gattungsbezeichnung Roman trage, fragte Emmerich. "Weil ich das so entschieden habe", entgegnete Bärfuss augenzwinkernd. Er verdeutlichte, dass es sein Anspruch als Künstler sei, bestehende Formen zu verändern und zu öffnen, betonte der Schriftsteller, der in "Koala" den Selbstmord des eigenen Bruders verarbeitet hat.


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