Bei Angriffen in Gräben versteckt

GESCHICHTE  Besuch der Zeitzeugin Gisela Jäckel (84) im Unterricht am Hessenkolleg

Spannender Geschichtsunterricht: Zeitzeugin Gisela Jäckel (84) erzählt vor Studierenden des Hessenkollegs aus ihrem Leben. (Foto: Petri)

Gisela Jäckel ist geborene Wetzlarerin. Ihr Vater Willi Best arbeitete vor 80 Jahren als Pferdepfleger auf einem Gutshof nahe der heutigen Kestnerschule, ihre Mutter Rosa war eine von vier Töchtern der jüdischen Familie Lyon, die am Liebfrauenberg wohnte, wo Vater Josef Lyon einen Altwarenhandel betrieb. Das Ehepaar Lyon wurde am 8. Mai 1942 deportiert. „Es hieß, sie kämen in ein Altersheim, wahrscheinlich Theresienstadt. Ich habe mir vor einem Jahr den Sammelpunkt auf dem Gelände der heutigen EZB im Frankfurter Osten angeschaut, wo die Menschen wie Vieh verfrachtet wurden. Mein Großvater war gebürtiger Frankfurter und ist dort heute mit einer Plakette namentlich vermerkt“, erinnert sich Jäckel.

Ein Jahr später wurden auch drei der vier mit christlichen Partnern verheirateten Lyon-Töchter in Vernichtungslager abtransportiert. Vom Ärgsten verschont blieb lediglich Rosa Bests Schwester Hedi. Der Grund: Im benachbarten Oberhessen wurden die ‚Nürnberger Rassengesetze‘ aus dem Jahr 1935 mit Blick auf „arisch-jüdische Mischehen“ weniger rigide ausgelegt. Hedi hielt sich eine Zeit lang im Wald versteckt, erlebte die Befreiung 1945 und wurde 106 Jahre alt. Dem 12-jährigen Kind Gisela Jäckel rettete der schnelle Vormarsch der Amerikaner das Leben.

Jäckel: „Wir haben doch alle den gleichen Gott und müssen untereinander Toleranz üben“

„Meine Mutter äußerte, als sie am 18. Mai 1943 abgeholt wurde, den verzweifelten Wunsch, sich von der Lahnbrücke ins Wasser zu stürzen“, berichtete Jäckel, „woraufhin mein Vater sie mit den Worten tröstete: ‚Ach, du kommst bestimmt wieder zurück‘.“ Ende 1943 schrieb die Mutter von Auschwitz aus an die Familie „Mir geht es gut, ihr könnt mir etwas zu essen schicken“. Zwei Monate später kam Post vom Standesamt Auschwitz mit der Sterbeurkunde und der Nachricht, Rosa Best sei „am 21. Januar 1944 um 9.44 Uhr an Magendarm-Katarrh verstorben“.

Zum Thema „Entschädigung“ für erlittenes Unrecht nennt sie konkrete Fakten: „Von den Amerikanern bekamen wir ein Care-Paket, vom deutschen Staat habe ich für den Tod der Großeltern 275 Mark und für den Tod meiner Mutter 500 Mark bekommen“. Die Absurdität der faschistischen Rassenideologie macht sie an ihrer eigenen Person fest: „Ich bin als evangelische Christin getauft worden und zusammen mit meinem Mann heute noch im Chor der Dalheimer Kirchengemeinde aktiv. Während einer Israel-Reise 1987 erfuhr ich von einem Rabbi, dass ich genau genommen Jüdin sei, da meine Mutter Jüdin war. Wir haben doch alle den gleichen Gott und müssen untereinander Toleranz üben“, so Jäckel. Wie sie als Kind mit dem Verlust der Mutter klargekommen sei, wollten die Hessenkollegiaten wissen. „Ich war damals 10 Jahre alt und habe die genauen Todesumstände nicht realisiert. Meine in einem Siedlungshaus in Büblingshausen wohnende Großmutter war eine resolute Frau. Sie hat mich abgeschirmt, wenn Nachbarn gegen ,laute und freche ‚Jude-Bälger‘ wetterten’.“ Während der Bombenangriffe am Ende des Kriegs war Zwangsarbeitern und Juden das Aufsuchen von Schutzräumen verwehrt. Die kleine Gisela kroch dann verängstigt in nahe gelegene Gräben. Ob denn Juden der Besuch höherer Schulen oder der Universität damals möglich gewesen sei, wollte Hessenkollegiat Marius M. wissen. „Die Hauptschule konnten wir abschließen, aber danach war Schluss“, antwortete die 84-Jährige.

Mit Blick auf den bis heute latenten Antisemitismus berichtete Jäckel von Drohanrufen und Schmähbriefen, die ein vor längerer Zeit in der WNZ veröffentlichter Leserbrief ihres Mannes ausgelöst habe. Darin sei die Frage aufgeworfen worden, warum man in Tafeln an den Säulen des Wetzlarer Doms der „Gefallenen der beiden Weltkriege“ gedenke, nicht aber der aus der Stadt vertriebenen und ermordeten Juden. Erst mit einer klugen Reaktion des damaligen WNZ-Kolumnisten Helmut („der Fußgänger“) Will hätten sich die Aufgeregtheiten („Was wollen die Juden denn noch alles?!“) wieder gelegt.


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