Bejammern oder verändern

GEWERKSCHAFT IG Metall zieht Bilanz

Hans-Peter Wieth, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Herborn. (Foto: Archiv)

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Gerade die Tarifauseinandersetzungen bei Rittal seien ein Beispiel dafür, dass Belegschaften geschwächt würden,wenn sie sich in ihren Zielen nicht einig seien. Hier gebe es einen lachenden Dritten, der genau wisse, was er wolle - nämlich keine Tarifverträge. Obwohl sich während drei Betriebsversammlungen alle Beschäftigten für Tarifverträge ausgesprochen hätten, habe es letztendlich wegen Drohungen und Erpressungen keine Mehrheit dafür in der Belegschaft gegeben. Das sei kein grandioser Erfolg, aber auch kein Weltuntergang.

Auch auf "Teka" ging Wieth ein. Er sprach noch einmal seine Hochachtung für die Kollegen in Sechshelden aus, die in "bewundernswerter Weise" für die Zukunft ihres Unternehmens gekämpft hätten.

n Hans-Peter Wieth prognostiziert für das kommende Jahr schwierige Verhandlungen

Derzeit hat die IG Metall Herborn 10 811 Mitglieder. Das sind 29 Prozent mehr als im Vergleichsraum des Vorjahres. Die Tarifauseinandersetzungen im Frühjahr mit 67 Warnstreiks und über 7000 Teilnehmern innerhalb von 15 Tagen seien eine gigantische Leistung gewesen, bilanzierte Wieth. Die Vereinbarungen mit tariflichen Lohnerhöhungen von 4,3 Prozent, der Besserstellung von Zeit- und Leiharbeitern sowie der Übernahmen von Auszubildenden wertete er als großen Erfolg. Vor der nächsten Tarifbewegung solle intensiver mit den Beschäftigten im Betrieb geredet werden, sagte Wieth. Es gelte, die Belange der Beschäftigten zu erfragen, bevor der IG Metall-Vorstand eine Orientierung gebe.

Die Auseinandersetzungen würden sich 2013 schwieriger gestalten, prognostizierte Wieth, denn die Auftragsbücher seien nicht gefüllt. Oft habe die Auslastung der Betriebe in den vergangenen Jahren bei 150 Prozent gelegen. Beim Annähern an die nur 100-prozentige Auslastung würden sofort die Ausbildungszahlen verringert. "Planung ist in unseren Betrieben scheinbar ein Fremdwort", sagte Wieth, denn so könne der oft beklagte Fachkräftemangel nicht behoben werden. "Rotzfrech" würden viele Arbeitgeber tarifliche Vereinbarungen auch ganz übergehen. "Die Arbeitgeber handeln erneut unverantwortlich, kurzfristig und verrückt - einfach blöd", meinte Wieth und forderte die Gewerkschafter dazu auf, Betriebe zu benennen, die "ausbüxen". "Wir machen das öffentlich", sagte er.

Die Themen Kurzarbeit und Übernahme von Zeitarbeitern könnten infolge der Staatsschuldenkrise die tariflichen Verhandlungen in 2013 bestimmen. Daran den Arbeitnehmern in Griechenland, Portugal und Spanien die Schuld geben zu wollen sei unfair.

Ähnliche Rentenkürzungen und außer Kraft gesetzte Tarifverträge wie in diesen Ländern sieht Wieth auch auf die Beschäftigten hierzulande zukommen. Die Metall- und Elektroindustrie würde zu 70 Prozent für Europa produzieren. Dass die Krise in südeuropäischen Ländern auf die Beschäftigten in Deutschland zurückschlagen würde, sei längst jedem klar, so Wieth. Hochbegabte Geschäftsführer würden derzeit feststellen, dass man in Südeuropa schlecht verkaufen könne, erklärte der Gewerkschafter ironisch. Eine Schuldenexplosion habe es gegeben, seit die Banken durch Steuergelder gerettet worden seien, kritisierte er. In Europa müsse nicht nur in wirtschaftlichen Zusammenhängen gedacht werden: "Eine wirtschaftliche Kooperation ohne eine soziale Kooperation kann nicht funktionieren." Solidarität dürfe weder am Werkstor noch an nationalen Grenzen halt machen.

Gewerkschaftssekretärin Andrea Theiß und Hans-Peter Wieth informierten außerdem über die Kampagne "Gut in Arbeit - gut in Rente", die von der IG Metall im August gestartet wurde. "Rente mit 67 ist keine Option für die meisten Menschen", sagte Theiß. Es müssten politische Alternativen gefunden werden, sonst werde sich die Altersarmut in Deutschland verschärfen. Im nächsten Jahr müssten die Arbeitnehmer ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen, um Perspektiven und Alternativen zur Rente mit 67 aufzuzeigen.

Auch Wieth will sich mit der derzeitigen Situation nicht zufrieden geben: "Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte über dieses Thema." Die Lebensleistungen von Arbeitnehmern dürfe nicht "in den Mülleimer der Sozialhilfe gekippt werden".

Während der Delegiertenversammlung wurde zudem für das scheidende Ortsvorstandsmitglied Markus Feith mit großer Mehrheit Rolf Dieter Gräb in den Ortsvorstand gewählt.


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