Bürger und Politiker unterstützen Protest der Uniklinik-Mitarbeiter

"Die Grenze ist erreicht"
"Die Grenze ist erreicht?: Die Betriebsräte des Universitätsklinikums Marburg und Gießen protestieren gemeinsam mit Komm
"Die Grenze ist erreicht?: Die Betriebsräte des Universitätsklinikums Marburg und Gießen protestieren gemeinsam mit Kommunal-, Landes- und Bundespolitikern gegen den erneuten Stellenabbau. (Foto: Koelschtzky)

Die Geschäftsleitung der Klinika hatte die erneute Ausdünnung des Pflege- und technischen Personals mit der mangelnden Refinanzierung der Investitionen an beiden Standorten begründet, berichtete die Marburger Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher. Der Konzern behaupte, es gebe noch "Personalüberhänge", außerdem sollten Krankenstände und Überstunden abgebaut werden.

"Das ist reiner Zynismus", sagte eine Krankenschwester der Intensivstation. Sie habe in den vergangenen Monaten mehrfach Kollegen auf der Station zusammenbrechen sehen, weil schon jetzt die Personalsituation katastrophal und die Arbeit einfach nicht zu schaffen sei. "Und wovon werden die Mitarbeiter denn krank? Das kommt doch von der pausenlosen Überlastung."

"Wir arbeiten nicht in einer Schraubenfabrik. Wir haben es mit Menschen zu tun."

"Wir arbeiten ja nicht ein einer Schraubenfabrik. Wir haben es mit Menschen zu tun, die auf uns angewiesen sind", sagte eine andere Pflegekraft. Sie gehe seit Monaten jeden Tag mit Sorgen ins Bett, ob sie etwas vergessen oder falsch gemacht habe, weil der Arbeitsdruck überlegtes Arbeiten nicht mehr möglich mache. "Die Kollegen stehen mit Tränen in den Augen auf der Station, weil sie nicht mehr wissen, wie sie die Arbeit bewältigen sollen. Und die Patienten weinen schon lange", meinte eine andere.

Aus der Küche berichtete ein Mitarbeiter, die Stellen seien bereits von über 100 auf 65 zusammengekürzt worden, jetzt sollten noch 13 befristete Stellen auslaufen. "Dann können wir zumachen und einen Pizza-Service bestellen", sagte er.

Am vergangenen Wochenende habe auf ihrer Station die Stationsleitung von 7 Uhr bis 21 Uhr mitgearbeitet, weil sonst die Versorgung der Patienten zusammengebrochen wäre, berichtete eine andere Kollegin. "Wir haben schon lange keine Reserven mehr. Und ohne Reserven kann man kein Krankenhaus betreiben."

"Es geht hier nicht um Unternehmensstrategien, sondern um die Gesundheit der Bürger", betonte Oberbürgermeister Egon Vaupel. Er und sein Gießener Amtskollege sowie die Bürgerschaften beider Städte seien bereit, sich für den Erhalt die Kliniken einzusetzen. Es gebe einen "Sturm der Solidarität", sagte er. Aus ganz Deutschland habe er Anrufe von Bürgermeisterkollegen und Kliniksdirektoren erhalten.

Ein System, das bei Menschen, die Hilfe brauchen, nur noch betriebswirtschaftlich denke, habe keine Zukunft, ist Vaupel überzeugt.

"Wir erleben hier die Folgen von Fehleinschätzungen der Konzernleitung, für die nun Patienten und Mitarbeiter bluten sollen." Hätten zunächst Kliniken wie Politiker überall in Deutschland die beispielhafte Privatisierung der Universitätskliniken als mögliche Option betrachtet, so werde sich nun zeigen müssen, wie weit man bei Renditeerwartungen im Gesundheitsbereich gehen könne.

"Wir werden nicht nachgeben. Wir müssen jetzt allen zeigen, dass eine Grenze erreicht ist, hinter die die Menschen nicht mehr zurückgehen", machte Vaupel deutlich.

"Dass man hier keine Profite machen kann, hätte jeder vorher wissen müssen", sagte Thomas Spies. "Universitätskliniken waren von jeher knapp kalkuliert." Der Rhön-Konzern wolle jedoch jährlich zweistellige Millionenbeträge "rausholen". Nun sehe die Konzernleitung, dass sie sich überschätzt habe und wolle auf Biegen und Brechen auf Kosten der Mitarbeiter ihre Renditeziele durchsetzen.

Zwischen Mitarbeiter beider Kliniken "passt kein Stück Papier"

Spies forderte die hessische Landesregierung, die für die Privatisierung verantwortlich sei, auf, endlich zu handeln. "Das Land kann Personalstandards vorschreiben und seinen Einfluss durchsetzen", sagte er. Durch die Fehler der Landesregierung seien Mitarbeiter, Patienten und auch Forschung und Lehre gefährdet.

Sören Bartol nannte die Pläne des Stellenabbaus einen "Schlag ins Gesicht der Beschäftigten". "Es gibt einfach eine Grenze, wo man nicht mehr nur zusehen kann", sagte er.

Böttcher berichtete, der Konzern verlange eine Mehrleistung der Mitarbeiter von über fünf Prozent in Gießen und drei Prozent in Marburg. "Da müssten wir zaubern können."

Bettina Böttcher und ihr Gießener Kollege Klaus Hanschur sowie der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Dirk Gehrke forderten die Konzernleitung auf, endlich dem Betriebsrat die ihm zustehenden Informationen zugänglich zu machen und ihre "Hinhaltetaktik" aufzugeben. "Wir müssen jetzt zusammenstehen und ein bundesweites Beispiel geben, bis sich etwas ändert", forderten die Arbeitnehmervertreter. Sie versicherten, dass zwischen die Beschäftigten in Gießen und Marburg "kein Blatt Papier" passe und man gemeinsam handeln werde.

Am morgigen Dienstag ist eine Betriebsversammlung in Marburg geplant. Für den 17. März ist in der Stadt eine von Bürgern organisierte Protestveranstaltung angekündigt.


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