Burganlage war größer als gedacht

GESCHICHTE Archäologen zeigen erste Ergebnisse am Gießener Kirchenplatz

Udo Recker und Dieter Neubauer (von links) präsentierten die Ergebnisse der Grabungen am Kirchenplatz. (Foto: Scholz)

Neue Erkenntnisse haben die Archäologen etwa für die im Hochmittelalter am heutigen Kirchenplatz zu findende Burganlage und die ebenfalls im Umfeld im Hoch-/Spätmittelalter platzierte gotische Kirche zu Tage gebracht. "Die Burg war größer als erwartet, die genaue zeitliche Datierung des Baus liegt allerdings noch nicht vor. Die gotische Kirche war von Anfang an mindestens zweischiffig", erklärte Neubauer.

Widerlegen konnten die Forscher, die auch die Platzierung der Burg präzisieren konnten, mittlerweile die Annahme, dass sich nördlich der Kirche ein Friedhof befunden habe. Dieser dürfe eher auf der Südseite gewesen sein. "Nördlich der Kirche fand sich zudem ein Platz. Die Pflasterfläche datiert wohl aus der Zeit um 1500", erläuterte der Grabungsleiter. Auch lägen Hinweise vor, dass sich auf dem Platz vor der Errichtung der gotischen Kirche mittelalterliche Bebauung befunden habe. Freigelegte Pfosten deuteten auf entsprechende Pfahlbauten hin. Funde am Kirchenplatz belegten darüber hinaus, dass in seinem direkten Umfeld Menschen aus gehobenen Schichten gelebt haben müssen, was sich beispielsweise durch Reste qualitätvoller Keramiken und Ofenkacheln belegen lasse. "Mit sechs bis sieben Exemplaren haben wir auch eine relativ große Zahl Münzen entdeckt, darunter solche aus dem Spätmittelalter", so der Leiter der Grabung.

Bislang hatte man sich in Sachen Stadtgeschichte auf Pläne aus den 1930er Jahren gestützt, die dank der aktuellen Arbeiten präzisiert werden konnten. Der finanzielle Rahmen der Ausgrabung mit - so Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) - einem Budget von über 200 000 Euro wurde nicht ausgeschöpft.

Dr. Eveline Grönke von der Landesarchäologie berichtete, dass während der Arbeiten täglich Führungen angeboten wurden. "Insgesamt kamen 2800 Leute zu den Terminen. Darüber hinaus haben wir acht begleitende Vorträge angeboten", so Grönke, die von einem fünfstelligen Betrag für diese Art der Öffentlichkeitsarbeit im Kontext der Landesgartenschau sprach.

Die Modalitäten der Grabungsarbeiten erläuterte Recker. "Wir haben nur sieben Prozent der Gesamtfläche untersucht, was für unsere Forschungsarbeiten jedoch völlig ausgereicht hat", sagte der stellvertretende Landesarchäologe. Überraschungen könnten noch die geborgenen, aber bislang nicht abschließend datierten Hölzer bringen. Recker verwies auf die "sehr gute Zusammenarbeit mit der Stadt."

Weigel-Greilich nennt die Präsentation der Grabung "einen Glücksfall"

Die Kooperation lobte auch Weigel-Greilich, die die verlängerten Ausgrabungen als bessere Lösung als den Versuch, den Platz vor der Landesgartenschau fertig zu haben, bezeichnete. Sie nannte die öffentlichkeitswirksame Präsentation einen Glücksfall. Die anfallenden Kosten resultierten aus der historischen Verantwortung der Stadt und hätten mit der Gartenschau nichts zu tun. Die anschließende Gestaltung des Kirchenplatzes solle der Bedeutung des Ortes als historischer Keimzelle und Ort der Begegnung gerecht werden. "Die Ergebnisse haben die besondere historische Bedeutung der Grabung für Gießen gezeigt", unterstrich auch Stadträtin Astrid Eibelshäuser (SPD). "Das war die entscheidende Ausgrabung für Gießen", sagte der städtische archäologische Denkmalpfleger Manfred Blechschmidt. Denn viele neue Entdeckungen hätten das bisherige Bild korrigiert.


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