"Damit ich nachts nicht Krieg führe"

Rückkehr mit Wunden an Körper und Seele: Soldaten aus Hessen berichten
Der Hund hilft über manche Stimmungsschwankung hinweg: Frank Dornseif und Sheltie Timmy. Foto: Tauer
Kontrolle in Kundus: Die Bundeswehr zeigt sich in Afghanistan nur noch schwer bewaffnet. (Foto: Archiv/dpa)
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Dornseif könnte ein Buch darüber schreiben. Sein Fall lockte selbst Journalisten aus Japan nach Nordhessen. Der 42-Jährige hat mit dazu beigetragen, dass das Wortungeheuer "Posttraumatisches Belastungssyndrom" langsam ins Vokabular der Deutschen eindrang. Dornseif ist Mitglied beim Bund Deutscher Veteranen, der zum Sprachrohr der Betroffenen geworden ist. Kriegsheimkehrer wollen nicht länger schweigen. Auch Patrick Karbach ist einer von ihnen. Karbach und Dornseif, zwei Menschen, die der Krieg in Afghanistan verändert hat.

"Rambo war 90 Minuten in Afghanistan, ich bleibe länger" – Patrick Karbach hatte keine Angst vor dem sechsmonatigen Einsatz, zu dem er im Januar 2003 in dem Land am Hindukusch eintraf. Damals konnte der Reservist noch nicht ahnen, dass Afghanistan sein Leben auf Dauer verändern würde, der Einsatz ständig in seinem Kopf wie ein nicht enden wollender Film weiterzugehen scheint. Karbach hatte seine zwölf Jahre als Zeitsoldat eigentlich schon hinter sich, als Reservist ging der ehemalige Heeresflieger nach Kabul. Dem kleinen Sohn seiner Freundin hatte der Oberfeldwebel nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 versprochen, "Bin Laden den Hintern zu versohlen".

Doch dieser Auslandseinsatz verlief anders als die, die Karbach zuvor bei einer UN-Mission im Irak und in Ex-Jugoslawien mitgemacht hatte. In den ersten Tagen war Karbach mit 15 anderen Soldaten auf einem Minensucheinsatz. Direkt in der Nähe des Ortes, an dem am 21. Dezember 2002 ein ISAF-Hubschrauber abstürzte. Sieben Bundeswehrsoldaten kamen damals ums Leben. In einem Steinhaufen fand Karbach einen Bolzen und einen Teil des Drehgelenks des havarierten Helikopters. Für den gelernten Mechaniker war klar: "Der Hubschrauber war abgeschossen worden. Allen gegensätzlichen Beteuerungen der Nato zum Trotz." Karbach hat diesen Bolzen immer wieder vor Augen. Sein Trauma, das hat die Therapie ans Tageslicht befördert, begann mit der Entdeckung dieses Metallteils.

In den Monaten in Afghanistan konnte Karbach noch schlafen – "das geht mit einer Neunmillimeter unter dem Kopfkissen". Verließ seine Truppe das Lager, versuchte sie, Menschenansammlungen zu meiden. Die Angst vor Anschlägen verlässt Karbach auch zuhause nicht. Mitten beim Einkaufen kann es zu den gefürchteten Flashbacks kommen, plötzlich gewinnen die Erinnerungen die Oberhand. "Ich drehe schnell hoch – bevor ich explodiere, verlasse ich dann schnell den Laden und presse mir die Fingernägel ins Fleisch. Ich rede auf mich ein: Denk dran, du bist in Deutschland."

Panikattacken ergreifen Patrich Karbach, wenn sein Handy nicht funktioniert. Inzwischen weiß er warum. Am 7. Juni 2003 sprengte ein afghanischer Selbstmordattentäter in Kabul einen Bus in die Luft, in dem Soldaten der Bundeswehr saßen – unterwegs zum Flughafen. Karbach saß im Lager beim Frühstück, hörte den lauten Knall. Als klar war, dass es Tote gegeben hatte, sei plötzlich die Funkverbindung nach Deutschland unterbrochen gewesen. Keine Details sollten an der Bundeswehrführung vorbei nach außen gelangen, so Karbach. "Nach zwei Tagen konnte ich endlich meine Freundin anrufen und sagen: ,Ich lebe noch’." Nach dem 7. Juni "haben wir dann nachts geübt, die deutsche Botschaft zu evakuieren". Die Lage war für die Soldaten unverhohlen gefährlich geworden.

Zurück auf deutschem Boden schlief Karbach zum ersten Mal wieder ruhig. Alles sah danach aus, als könne er an seinem früheren Leben anknüpfen. Doch dann stellten sich Schlafstörungen ein, er war schnell gereizt, die Freundin litt darunter, die Beziehung scheiterte. Immer wieder hatte er Panikattacken. Beschwerden, die bis heute nicht besser wurden. Tagsüber nimmt Karbach Antidepressiva, abends schluckt er Schlaftabletten – "damit ich nachts nicht Krieg führe".

Der ehemalige Heeresflieger findet sich nicht mit Dasein als Frührentner ab

Auch beruflich konnte Karbach nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr nicht mehr richtig Fuß fassen. Jahrelang hielt er sich als Leiharbeiter bei Sicherheitsfirmen über Wasser. 2009 schließlich suchte er wegen seiner psychischen Probleme endlich das Bundeswehrkrankenhaus in seiner Heimatstadt Koblenz auf. Die Ärzte stellten zwar fest, dass er unter dem Posttraumatischen Belastungssyndrom leidet, doch ob das vom Auslandseinsatz komme, sei fraglich. Schließlich sei Karbach ja seit 2006 an Multipler Sklerose erkrankt.

Karbach blieb nur die Frühverrentung, seither lebt er von 793 Euro im Monat. In Hofgeismar nahe Kassel bewohnt er eine möblierte Wohnung. Zurückgezogen, nur mit wenig Außenverbindungen. "Ich habe zu viele Ex-Freunde" sagt der 40-Jährige. Die Verbindung zur Bundeswehr ist gekappt, gelegentlich nimmt er noch über Facebook Kontakt zu früheren Kameraden auf. "Ich will meine Ruhe", betont er. Persönliche Dinge finden sich nicht in Karbachs Wohnung. Er vermisst sie auch nicht – "in meiner letzten Wohnung hatte ich nur eine Luftmatratze." Fotos besitzt Karbach keine mehr. "Die habe ich alle gelöscht."

"In der Therapie mussten wir ein Buch schreiben", erzählt er. Thema: das eigene Leben. Der Ex-Soldat reduzierte seines auf die Jahre beim Militär. Die Ärzte verlangten mehr aus der Kindheit. Karbach arbeitete nach, am Ende wurden 600 Seiten daraus. "Als das Buch fertig war, habe ich es genommen und habe es in dem Koblenzer Krankenkaus, in dem ich geboren wurde, in den Müll geworfen" , erzählt er. Es war eine Art Ritual, das alte Leben abzustreifen, "aber es half nicht".

Karbach will sich nicht mit dem Dasein als Frührentner abfinden. Seine Aussicht einen 400-Euro-Job zu bekommen, betrachtet er jedoch düster. Dennoch: Einen Schritt, die Chancen zu verbessern, hat er gerade unternommen. Er hat sich ein altes Auto gekauft. "Ich bin, um Leberwurst und Bonbons zu kaufen, zwölf Kilometer nach Caldern gefahren, obwohl der Aldi hier bei mir um die Ecke ist." Er lächelt: " Das hat Spaß gemacht."

Patrick Karbach hat die Bundeswehr verklagt. Sie soll anerkennen, dass er wehrbeschädigt ist. Sie soll ihrer Fürsorgepflicht für die Soldaten nachkommen. Nicht mehr und nicht weniger. Wie der Fall ausgeht, darüber müssen die Gerichte entscheiden. Karbachs Erfahrungen zeigen, dass Ex-Soldaten besonders schnell in Armut geraten können, wenn der Weg zurück in den Alltag verbaut ist. Doch auch Soldaten, die während des Einsatzes noch zur Bundeswehr gehörten und krank zurückkehrten, müssen um ihre Rechte kämpfen.

Dies zeigt das Beispiel von Frank Dornseif. Der heute 42-Jährige saß in dem Bus, den die Taliban am 7. Juni 2003 mit einer Autobombe in die Luft sprengten. Nur um Haaresbreite überlebte Dornseif, aus dem Einsatz kehrte nicht mehr "der Frank zurück, den ich nach Afghanistan habe gehen lassen", wie seine Frau Anja sagt. An den Augenblick des Anschlags selbst hat Dornseif keine eigene Erinnerung. Er weiß, dass er, dem Bus entronnen, neben einem Betonpfeiler lehnte, die Augen geschlossen, blutüberströmt, voller Splitter, das Trommelfell von der Detonation der Autobombe zerfetzt. Er weiß noch, dass hinter ihm die Sonne auf verdorrtes Gras brannte – so sehr hat sich ihm diese Szene eingebrannt, dass Dornseif bis heute kein Sonnenlicht ertragen kann. "Wenn ich stark schwitze, habe ich sofort das Gefühl, ich bin voller Blut."

Mühsam hat sich Dornseif den Weg der Erinnerung zurückgebahnt. Doch Dornseif hat bei der Bewältigung seines Traumas noch einen weiten Weg vor sich. Den Moment des Anschlags hat er bis heute verdrängt, nicht einmal in den nächtlichen Albträumen kommt er vor. In der Nacht bedrängen ihn andere Bilder: Dornseif durchlebt dort Kampfszenen – auch als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Der Vater war im Krieg, auch der Onkel. Die Familie war immer stolz auf das Soldatische. Für Hauptfeldwebel Dornseif war es der Traumberuf. In Bosnien setzte er sich leidenschaftlich für die Belange der Bevölkerung ein. Nach Afghanistan zu gehen, war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Doch sofort nach der Ankunft spürte er, hier ist etwas anderes. Er sah es in den misstrauischen Gesichtern der Menschen. "Die Heckklappe der Transall ging auf und ich hatte gleich ein schlechtes Gefühl." Fast täglich gab es Gefechte, "unsere Kompanie war jeden Tag zur Aufklärung draußen".

"Bei der Bundeswehr gehört man dazu oder man ist draußen"

Zweieinhalb Jahre war Dornseif nach seiner Rückkehr nach Deutschland krankgeschrieben. Dabei ging er anfangs noch davon aus, bald wieder in die Burgwaldkaserne im nordhessischen Frankenberg zurückkehren zu können. Im Krankenhaus schritt die Linderung der physischen Beschwerden voran, die psychischen Folgen waren ausgeblendet. Als er sich nach wenigen Monaten körperlich wieder einigermaßen fit fühlte, kam der Tag der Rückkehr in die Kaserne. Schon auf der Fahrt überkamen ihn Schweißausbrüche. Als er die Gedenkstätte für die am 7. Juni 2003 gefallenen Soldaten auf dem Kasernengelände passierte, begann sein Herz zu rasen. Statt sich zurückzumelden, brauchte er ärztliche Hilfe. "Das war meine erste Panikattacke."

Seither vergeht kein Tag, an dem Dornseif nicht damit rechnen muss, von Angst und schrecklichen Bildern gequält zu werden. Es reicht der Lärm eines Hubschraubers und das Tatütata des Krankenwagens Er leidet unter starken Stimmungsschwankungen, leidet darüber hinaus, weil er weiß, wie sehr das auch Frau und Tochter belastet, "Lange habe ich mich immer gefragt, ,warum sind die andern so komisch?‘ Meine Frau hätte den Tapferkeitsorden bekommen müssen, den sie uns nicht geben", sagt er resigniert.

Die Freunde sind weniger geworden, dabei war Dornseif immer ein Mensch, der sich gern in Vereinen engagierte. Er hat sich zurückgezogen. Er fürchtet komische Blicke und die manchmal ausgesprochene, meist aber unausgesprochene Frage: "Warum tust du den ganzen Tag nichts? So schlimm bist du doch gar nicht dran."

Dornseif schluckt jeden Tag 21 Tabletten: Antidepressiva, Schmerzmittel, Schlafmittel. "In neun Jahren habe ich nur fünf Nächte gut geschlafen und da war Alkohol im Spiel", sagt der 42-Jährige, der unglaublich müde wirkt. Ein Traumaspezialist behandelte ihn in Hamburg, Dornseif hatte ständig das Gefühl: "Der hält mich für einen Simulanten."

"Bei der Bundeswehr gehört man dazu oder man ist draußen. Es gibt nur schwarz und weiß." Fälle wie seiner seien nicht vorgesehen. Rasch verlor Dornseif seinen Posten als Dienstgruppenleiter, stimmte sogar persönlich zu, abgesetzt zu werden, damit sein Vorgesetzter nicht noch einmal extra bei ihm vorbeikommen musste. Soldatischer Gehorsam bis zum Schluss.

Am 1. Januar 2006 wurde Frank Dornseif mit 36 Jahren frühpensioniert. Der Hauptfeldwebel erhält 2200 Euro Rente, davon muss die Familie leben. Die Versorgungsleistungen seien angemessen, schrieb Brigadegeneral Christof Munzlinger Dornseif im Februar 2012. Munzlinger ist Beauftragter des Bundesverteidigungsministeriums für "einsatzbedingte posttraumatische Belastungsstörungen und Einsatztraumatisierte".

Dornseif geht es finanziell betrachtet besser als Patrick Karbach. Und dennoch gibt es Menschen, vor denen Dornseif meint, sich für das rechtfertigen zu müssen, was ihm zusteht. "Dir geht’s besser als vorher", solche Sprüche musste er sich schon häufig anhören. Die Bundeswehr hat Dornseif eine 60prozentige Behinderung zuerkannt. Doch Dornseif will mehr. Er hat Ärzte erlebt, die auf seiner Seite stehen, aber auch das Gegenteil: Schon 2004 sagte ihm sein Truppenarzt: "Sie sind der Soldat, der mir am meisten Arbeit macht." Dabei wäre Dornseif froh, keine Arbeit mehr machen zu müssen. Seit Jahren wartet er auf eine Begutachtung seines körperlichen und seelischen Zustands. Inzwischen hat auch er Klage eingereicht. Zuständig ist das Sozialgericht Marburg. Dort liegt bereits seit Jahren eine Klageschrift von Dornseifs Anwalt. Er will einen Schwerbehindertenausweis für seinen Mandanten durchsetzen. Dornseif geht es dabei weniger um materielle Vorteile wie den Erlass der Rundfunkgebühren. Er will die ideelle Anerkennung, Respekt dafür, dass er "etwas für sein Vaterland getan hat". Gerne würde er sich eine Verwundeten-Medaille anheften. Doch eine solche hat Deutschland für seine Soldaten noch nicht vorgesehen.

Meinung und Analyse S. 4


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