"Das Konzept hat funktioniert"

1804 formuliert der Gladenbacher Georg Hartig das Prinzip der Nachhaltigkeit
Revierförster Ernst-Heinrich Kroh zeigt die Taxationstabellen, die seit Hartig den Holzbestand errechnen lassen.
Der Gladenbacher Wald: vielfältig und nachhaltig nach den Vorgaben des Gladenbachers Georg Ludwig Hartig.
Georg Ludwig Hartig, Foto aus dem Archiv des Forstamtes Biedenkopf. (Fotos/Repro: Koelschtzky)
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Auch Kroh, der dem Revier Seibertshausen – nach einem in der Pestzeit untergegangenen Dorf benannt – vorsteht, ist von den berühmten Werken Hartigs zur Forstwirtschaft begeistert. "Er hat die Forstwirtschaft grundlegend verändert und im Grunde arbeiten wir bis heute nach seinen Systematiken", erklärt der Revierleiter.

Auch seine Chefin, die Leiterin des Forstamtes Biedenkopf, Sigrid Krawielitzki, ist ein unbedingter Fan von Hartig. Sie besitzt seine Werke im Original, das habe sie sich vor Jahren gegönnt, erzählt sie. "Er muss schon genial gewesen sein, um so aus dem Nichts die ganze Forstwirtschaft umfassend zu systematisieren", findet sie. Auch zur Jagd habe er Bücher veröffentlicht, umfassend das ganze Forstwesen erfasst.

Bis heute wird der Wald nach den Grundsätzen Hartigs erfasst

Hartig, Sohn des damaligen Gladenbacher Oberförsters, wurde am 2. September 1764 geboren. Nach einer Forstlehre im Harz bei einem Onkel wandte er sich als einer der ersten Forstleute überhaupt der Wissenschaft zu, studierte Kameralistik und veröffentlichte 1791 sein erstes Standardwerk zur Holzzucht – auch das besitzt Krawielitzki im Original.

1795 entwickelte er in "Anweisung zur Taxation der Forsten" die Grundlagen heutiger Forstwirtschaft, indem er Grundsätze und Methoden zur Bewertung der Holzmenge auf der Fläche systematisierte. Damit gab er dem Ansatz der Nachhaltigkeit – die heute überall als zentrales Ziel allen Wirtschaftens genannt wird – eine praktische Grundlage . Er machte mit seiner Arbeit nachhaltiges Wirtschaften im Wald erstmals möglich und überprüfbar.

"Das ist im Wald ja extrem schwierig", erklärt Kroh, warum Hartig so große Bedeutung erlangte. "Wir wollen nach Hartigs Grundsatz der Nachhaltigkeit nicht mehr Holz aus dem Wald entnehmen als wieder zuwächst. Aber wie viele Kubikmeter Holz auf einer Fläche stehen und wie viel Zuwachs zu erwarten ist, kann man nur schätzen."

Und zwar anhand von Tabellen und Karten, wie Hartig sie entwickelt hat. In die Kriterien gehen unter anderem Baumarten, Bodenbeschaffenheit, Standort und Alter der einzelnen Bäume ein.

Diese "Forsteinrichtung" genannte Bestandsaufnahme im Wald wird bis heute im Grunde so gemacht, wie es Hartig entwickelt hat, sagt Krawielitzki.

Zu Hartigs Zeiten, nach dem Dreißigjährigen Krieg, hätten die Forstleute verwüstete Wälder vorgefunden, erklären die beiden Forstleute. "Zudem wurde der Wald von der verarmten Bevölkerung völlig ausgeräumt". Die Landbewohner holten nicht nur Brenn- und Wirtschaftsholz, sondern auch Laub als Einstreu, Gras als Futter und trieben die Schweine zur Mast in den Wald, wo diese auch die jungen Baumschösslinge mit abfraßen.

Hartig war Organisator, Retter und Visionär zugleich

Aber nicht nur theoretisch, auch praktisch wirkte Hartig daran mit, dass Deutschland heute über große Flächen gesunden Waldbestandes verfügt und rund um Gladenbach die schönsten Mischwälder existieren.

Hartig organisierte die Ausbildung der Förster neu und gründete unter anderem in Hungen und Dillenburg Forstschulen zur Ausbildung von Förstern. Später als Oberlandesforstmeister und Staatsrat im Königreich Preußen verhinderte er den geplanten Verkauf des Staatswaldes durch das finanziell gebeutelte Preußen und rettete die großen Wälder.

Hartigs berühmter Grundsatz, die Wälder "zwar so hoch wie möglich, doch so zu benutzen, dass die Nachkommenschaft wenigstens ebenso viel Vorteil daraus ziehen kann, als sich die jetzige Generation zueignet", beinhalte heute viel mehr als nur die reinen Nutzholzmassen, erklärt Kroh. Er zeigt beispielsweise sogenannte "Habitat-Bäume", alte, manchmal auch schon abgestorbene Bäume, in denen Insekten und Vögel Lebensraum finden. Oder kleine Freiflächen im Wald, die viele Tierarten zur Futtersuche oder ebenfalls als Lebensraum nutzen.

Und natürlich die ganze Vielfalt der heimischen Mischwälder, in denen Eichen, Buchen, Tannen, Eschen, Ulmen und auch viele ausländische Arten wachsen – die meisten als Versuchsflächen angelegt von der Preußischen Versuchsanstalt vor rund 100 Jahren. So trifft man beispielsweise bei Weidenhausen auf Douglasie oder weißen Hickory, "die Nüsse sind leider alle taub", zeigt Kroh.

"Die Vielfalt ist notwendig, weil wir ja nicht wissen, wie sich das Klima entwickelt und welche Baumarten dann sinnvoll sind. Außerdem sind so die Waldbesitzer in der Lage, auf die jeweiligen Moden auf dem Holzmarkt zu reagieren", erklärt Krawielitzki.

Aber trotz aller modernen Erweiterungen, "Hartigs Idee hat funktioniert", sagt Kroh. Zu Hartigs Zeiten habe man vielleicht 50 bis 60 Vorratsfestmeter (die Gesamtmenge an Holz) auf dem Hektar gehabt, heute im Schnitt 300, berichtet er.

Für 2020 wird eine Lücke von 32 Millionen Festmetern Holz erwartet

Eine komfortable Situation, findet Krawielizki. Aber der Bedarf steige auch enorm, für 2020 werde eine Lücke von 32 Millionen Festmetern Holz in Deutschland vorausgesagt – vor allem für Plattenhersteller und Papierindustrie würde es dann eng. Da wird die Nachhaltigkeit im Wald wieder verteidigt werden müssen wie zu Hartigs Zeiten.


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