Dem Betriebsrat reicht es jetzt

WIRTSCHAFT Offener Brief an das Management von Johnson Controls

Dem Betriebsrat von Johnson Controls reicht es langsam. Die Mitglieder fühlen sich vom Management der Firma im Stich gelassen. (Foto: Röder)

Im Eingangsbereich der Friedensdorfer Niederlassung des Automobilzulieferers, dessen europäische Zentrale im rheinisch-bergischen Burscheid beheimatet ist, hängt ein großer Monitor. Darauf wechseln sich Bilder ab: Sicherheitshinweise, Daten aus der Firmengeschichte - und die Werte des Unternehmens mit weltweit rund 130 000 Beschäftigten.

Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Herborn, Hans-Peter Wieth, ist nicht gut auf diesen Monitor zu sprechen. "Wenn ich hier arbeiten würde und täglich sehen müsste, wie dort von Integrität, Fairness, Ehrlichkeit und Respekt die Rede ist ... Ich hätte ihn wahrscheinlich schon runtergeholt." "Der ist gut verschraubt", entgegnet ein Teil des Betriebsrats. Alle lachen. Es ist Galgenhumor, denn in den Betriebsräten brodelt es. 

"Die Stimmung ist hinreichend schlecht", sagte Betriebsratsmitglied André Betz. Täglich würde ein Großteil der Beschäftigten zwischen Angst, Hoffnung und Verzweiflung pendeln. "Die Leute hängen in der Luft. Wir wissen einfach nicht, wie es weitergeht", führt seine Kollegin Heike Müller aus.

Jene Ungewissheit geht unter anderem auf interne Umstrukturierungen bei Johnson Controls zurück. Dazu muss man wissen: Johnson Controls ist ein so genannter Mischkonzern, der in den Bereichen Automobilzulieferung, Gebäude- und Batterietechnik sowie Industriedienstleistungen aktiv ist.

"Man wird massiv verarscht"

Die Sparte Automotive, das Automobilzuliefergeschäft, soll komplett vom Mutterkonzern abgespaltet werden und als eigenes Unternehmen an die Börse gehen. Zu diesem Bereich gehören unter anderem Armaturen, Autositze und Fahrzeuginnenverkleidungen - jene Dinge, die auch in Friedensdorf produziert werden. Diese Umstrukturierungen laufen seit 2013, erklärt der Betriebsrat. Und seitdem werde man "massiv verarscht".

Vor allem in Sachen Beschäftigungssicherheit fordert der Betriebsrat Aufklärung von der Konzernleitung. Denkbar sei alles, betont Betz. Was die Szenarien, die Betz nun aufzählt eint, ist die "permanente Zukunftsangst", wie er und seine Kollegen es nennen. "Manche reden von einer Schließung des gesamten Standorts, andere wiederum vom Abbau von Arbeitsplätzen."

"Johnson Controls hat insbesondere in den Jahren 2014 und 2015 intensive Gespräche mit dem Betriebsrat über ein tragfähiges Zukunftskonzept für das Werk Dautphetal geführt und dem Betriebsrat verschiedene Vorschläge für ein solches Konzept unterbreitet", erklärt Ulrich Andree (Director Global Communications bei Johnson Controls) gegenüber dem HA. Teilweise wurden diese Gespräche von einem externen Mediator begleitet. "Das Mediationsverfahren wurde im Ergebnis erfolglos abgebrochen, weil keiner der Vorschläge des Arbeitgebers auf Betriebsratsseite konsensfähig war", erklärt Andree.

Zu Hochzeiten hätten in dem Lahnwerk mal 1400 Menschen gearbeitet - wenn man wirkliche alle, inklusive der Leiharbeiter, zusammenzählt, sagt Betriebsratsmitglied Erhan Yazici. "Jetzt sind wir bei knapp 750." Zwar gab es bis Ende vergangenen Jahres eine Beschäftigungssicherung, welche 2011 abgeschlossen wurde. Bis Ende 2015 seien durch "natürliche Fluktuation" bereits deutlich weniger als die darin festgeschriebenen 900 Menschen in Friedensdorf beschäftigt gewesen.  

Besonders macht Betz, Müller, Yazici und den anderen Betriebsratsmitgliedern die tägliche Ungewissheit zu schaffen. "Man nimmt das mit nach Hause, ins Bett, in die Wochenenden", sagen sie. "Es hängt ja nicht nur der eigene Job daran, sondern Familien, ganze Existenzen", so die Betriebsratsmitglieder.

Erhan Yazici kann nicht verstehen, dass die "Belegschaft den Schwarzen Peter zugesteckt" bekommt. "Das Werk ist top in Ordnung. Die Leute hier machen sehr gute Arbeit. Wir haben zudem immer wieder Besuch von anderen Werken, die sich hier Expertise holen." Er möchte - wie die anderen Betriebsratsmitglieder auch - dass die Leitung endlich wieder mit ihnen redet.

Unternehmenssprecher Andree erklärt dazu: "Wir analysieren regelmäßig die wirtschaftliche Situation aller unserer Werke. Nach Beendigung des Mediationsverfahrens haben wir die Analysen für das Werk in Dautphetal erneut aufgenommen. Diese Analysen sind noch nicht abgeschlossen. Sollte sich hieran etwas ändern, werden wir den Betriebsrat selbstverständlich informieren."

Gewerkschafter Wieth hofft, dass dies nicht mehr allzu lange dauert. Der offene Brief soll demnächst der Geschäftsführung überreicht werden. "Wir erwarten dann eine Botschaft", sagt Wieth. Was geschieht, wenn diese ausbleibt, möchte er nicht sagen. "Wir wollen nicht drohen, sondern einfach miteinander reden."


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