Der Banker mit dem grünen Bike

Hobby Vor fast 25 Jahren setzte Konrad Ammenhäuser die ersten Thuja für seine berühmte Motorradhecke

Sie ist vier Meter hoch und acht Meter lang, Konrad Ammenhäusers Motorradhecke. In der frostfreien Zeit wird das aus 22 Thuja-Pflanzen bestehende Kunstwerke alle zwei Wochen getrimmt. In der Hauptwuchszeit ist er pro Pflegetag acht bis zwölf Stunden am Schneiden. (Foto: Berge)

Der Bankkaufmann ist stolz auf sein grünes Traumbike. Als er vor fast 25 Jahren die ersten Pflanzen setzte, da habe er das fertige „Moped“ schon vor seinem geistigen Auge gesehen, sagt der 51-Jährige heute. In den Augen der Betrachter ist das vier Meter hohe und acht Meter lange Hecken-Kunstwerk längst fertig. Doch der Banker und Biker mit dem grünen Daumen sieht sein lebendes Kunstwerk immer noch nicht vollendet.

Seit Jahren ist er damit beschäftigt, die Konturen von Motor und Vergasern noch besser auszuarbeiten. „Weil die hinter der Verkleidung liegen und nicht viel Licht hinkommt, dauert das eine Weile“, erklärt er. Auch an der Auspuffanlage wird nach wie vor getüftelt. In die beiden inneren Rohre kann man den Arm komplett hineinstecken, an den übrigen beiden Auspuffrohren des Vierzylinders schnippelt er noch.

Den Spitzname „Wheelie Konni“ erhielt er bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man

Als Konni im Kindesalter erstmals die vor allem in England verbreiteten Heckenkunstwerke sah, nahm er sich vor, so etwa später einmal selbst zu kreieren. Seine späteren Leidenschaften, das Motorradfahren und -sammeln sowie das Schrauben an den Bikes war entscheidend dafür, dass ein Zweirad zumindest in seinen Gedanken Modell stand.

Nach 1919 Stunden Arbeit ist aus einst zarten Pflänzchen eine prächtige grüne Rennmaschine geworden. „Wenn ich mir ein Motorrad bauen könnte, würde es genauso aussehen“, sagt er. Neben diesem Hecken-Traum hatte der junge Konrad Ammenhäuser auch ein ganz realistisches Motorrad vor Augen: Die 1972 vorgestellte Suzuki GT 750. „Die wollte ich unbedingt einmal fahren“, berichtet er.

Im Nachbarort Hermershausen stand eine solche Maschine im Schaufenster eines Motorradhändlers. Dort fuhr er so oft wie möglich mit dem Fahrrad hin, um sie anzuschauen und sich draufzusetzen. „Die Wände in meinem Zimmer hingen voller Bilder und Prospekte von der Maschine“, sagt er. Zumindest ein Nachfolgemodell dieser „Suzi“ zählt zu seiner Sammlung. Und das unübersehbare grüne Hecken-Traummotorrad steht als dauerhaft ausgestelltes Kunstwerk vor seinem Haus in Niederweimar.

Zu den Leidenschaften des 51-Jährigen zählt seit 1988 der regelmäßige Besuch der Tourist Trophy (TT). Bei diesem wohl ältesten Motorradrennen der Welt auf der Isle of Man ist er Stammgast und unter Rennfahrern und Insulanern bekannt wie ein bunter Hund.

Die Insel in der Irischen See ist direkt der britischen Krone unterstellt, aber weder Teil des Vereinigten Königreichs noch Britisches Überseegebiet. Seinen Spitznamen „Wheelie Konni“ erhielt er auf der Insel, weil er allabendlich die vier Kilometer lange Promenade auf dem Hinterrad auf- und abfuhr. „Das ist heute zwar offiziell verboten, wird aber immer noch toleriert, weil es historisch gewachsen ist“, erzählt der Mann aus Niederweimar und lacht.

Zunächst auf der Insel und später auch auf dem nahe gelegenen englischen Mutterland, der Heimat vieler passionierter Rosenzüchter und Heckenkünstler, ließ sich Konni inspirieren, holte sich Ratschläge. Für seine Idee, aus Thuja ein Motorrad zu trimmen, gab es allerdings nur eine Antwort: „No way“.

Zu kompliziert seien die vielfältigen Formen eines Bikes, versicherten ihm die Fachleute. Kugeln, Würfel, Kegel oder andere geometrische Figuren, auch mal einfache Tierformen – ja. Aber ein Motorrad?

So verwundert es nicht, dass man bei noch so eifriger Suche in einschlägigen Gartenbüchern und -journalen oder im Internet alle möglichen Heckenfiguren findet – aber nur ein großes Motorrad, und das ist Konnis Werk. Er ließ sich von den Pessimisten nicht davon abhalten, ab Anfang der 1990er-Jahre selbst mit Lebensbäumen zu experimentieren.

„In den ersten zehn Jahren sah die Hecke nicht wirklich gut aus“, sagt er rückblickend: „Da stand im Wesentlichen nur die Verkleidungsscheibe und das Heck.“ Er kann sich noch gut daran erinnern, dass ihn damals die Passanten meist belächelten. Heute staunt man darüber. Und man wundert sich, wie oft Konni am Trimmen ist. Bei frostfreiem Wetter sieht man ihn alle zwei Wochen auf dem Rollgerüst oder auf der Leiter stehen.

Mit einer Mini-Gartenschere mit scharfen, fünf Zentimeter langen Klingen, hält er sein „Moped“ in Form. Elektrische Heckenscheren gehören nicht zu seinen Arbeitsgeräten. „Sie sind zu groß und würden die Pflanzen zu sehr beschädigen, reißen mehr als dass sie schneiden“, sagt der Hobby-Gärtner. An den Hecken-Trimm-Samstagen arbeitet er acht bis zwölf Stunden an seinem Kunstwerk. „Es geht langsam voran, ich schneide immer nur die Spitzen weg“, erklärt er.

Heute weiß Konni, dass es sehr wohl möglich ist, ein so kompliziertes Gebilde wie ein Hecken-Motorrad zu trimmen. Aber wie bekommt man so komplizierte Formen wie die schräg laufende Sitzbank hin? Solche Geheimnisse will er nicht verraten. Mit ordentlicher Kenntnis über Pflanzenwachstum, Neugierde, Freude am Detail und sehr viel Ausdauer bekomme man das aber hin, meint er.

Das Motorrad besteht aus 22 ineinandergreifenden Pflanzen, jede steht für ein Bauteil. Alle wesentlichen Bestandteile eines Bikes sind deutlich zu erkennen: Vom Lenker über Brems- und Kupplungshebel bis hin zu den Auspuffrohren. In die inneren Rohre kann man – wie erwähnt – hineingreifen. „Und sie dienen im Sommer Vögeln als Einflugschneise“, berichtet Konni. Für die gefiederten Freunde sei das Thuja-Bike ein sicherer Schlafplatz.

Die Hecke ist in einem japanischen Reiseführer als Sehenswürdigkeit abgebildet

Das Thuja-Motorrad weckt auch touristisches Interesse: So halten immer wieder Busse in der Straße und Schaulustige fotografieren das Kunstwerk von allen Seiten, am liebsten mit Personen davor, damit man die Dimensionen des grünen Bikes erkennen kann. Vor allem japanische Gäste machen dort Halt. Konni nennt den Grund: „Es gibt einen japanischen Reiseführer, in dem meine Hecke als Sehenswürdigkeit abgebildet ist.“

Der Banker und Biker freut sich, wenn er interessierten Passanten oder Besuchern Fragen zu der Hecke beantworten kann. Meist wird sie an Wochenenden gezielt von Motorradfahrern angesteuert, die sie bestaunen und fotografieren.

Wenn die Biker nicht zu Konni kommen, dann trifft er sich andernorts mit seinesgleichen. So war er jüngst zu Gast bei den „Elefantentreffen“. Die beiden Motorradfahrer-Wintertreffen fanden am letzten Januar-Wochenende und Mitte Februar statt.

Auch dort ist Konni regelmäßig. Selbstverständlich nahm er dort an den obligatorischen Wettbewerben teil. Bei dem Treffen im bayerischen Wald ging die Auszeichnung für die schönste Schnee-Skulptur an den Banker aus Niederweimar. Aus Schnee geformt hatte er ein Motorrad: ein kleines Modell seines Thuja-Kunstwerkes.


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